Archive für Kategorie: Geschichtsmedien

Abschied und Willkommleben ändern

Das soll er sein, der letzte Eintrag auf diesem Blog. Sollte man sich die Mühe machen, die Historie dieses Mikromediums nachzuverfolgen, könnte man unschwer feststellen, dass die Frequenz der Einträge in den vergangenen Monaten merklich zurückgegangen ist. Das ließe sich als nachlassendes Interesse interpretieren. Tatsächlich hat es aber mit der Umleitung meiner Schreibenergie zu tun. So viel Vergnügen mir das Blogschreiben auch bereitet, so ist es doch nur ein Buchstabenfeld neben anderen, das zu beackern ist. Daher habe ich den Entschluss gefasst, nicht das Bloggen aufzugeben, aber seine Form zu verändern. Anstatt nur sporadisch alle paar Wochen (oder gar Monate) einmal die Zeit zu finden, mich an dieser Stelle zu äußern und das Blog auf diese Weise zu einem Nebenhermedium zu machen, will ich es zukünftig konzentrierter und gleichzeitig ausgiebiger nutzen: als Mitteilungsform, das seinen Möglichkeiten gerecht wird, als aktuelles, auf eingreifendes Kommentieren angelegtes und nicht zuletzt auch ephemeres Medium. Man könnte auch sagen, dass ich mich medial meinem wissenschaftlichen Forschungsgebiet, der frühneuzeitlichen Geschichte, annähere. Denn zumindest das 16. und 17. Jahrhundert waren in Europa nicht zuletzt durch das Medium des Flugblatts geprägt, das seine Nachrichten dann in der Welt verbreitete, wenn es etwas zu berichten gab. Erst im Verlauf des 17. Jahrhunderts erlebte die regelmäßig publizierte Zeitung ihren allmählichen Aufstieg, die nicht dann erschien, wenn etwas Berichtenswertes geschehen war, sondern immer erschien, unabhängig davon, was in der (nicht) Welt vor sich ging. Ich werde mich blogmäßig in Richtung Flugblatt orientieren. Und die nächste Gelegenheit für den adäquaten Einsatz dieser Technik lässt nicht lange auf sich warten. 2017 steht uns der nächste historische Jubiläumshype ins Haus. 500 Jahre Reformation sollen nicht nur gefeiert werden, sondern werden in eiliger Vorfreude schon längst begangen. Zeit also, als teilnehmender Beobachter für eine Weile diesen Geburtstagsfeierlichkeiten beizuwohnen. Ein Jahr lang werde ich vom 1. November 2016 bis zum 31. Oktober 2017 meine Aufmerksamkeit nicht nur Martin Luther, der Reformation und den dazugehörigen Jubiläumsveranstaltungen widmen (und damit einen weiteren Bezug zum Flugblattzeitalter eröffnen), sondern vor allem der deutschen Geschichtskultur den einen oder anderen Besuch abstatten. Titel des Ganzen: Mein Jahr mit Luther. Unterwegs in der deutschen Geschichtskultur

Lebensveränderungen

Ich schließe also eine Geschichte ab, beginne an ihrer statt eine neue. Und wenn auch von einer noch so peripheren Position, wenn auch in einer noch so marginalen Situation, so tue ich damit doch etwas, das für unsere gegenwärtige Konstitution von Historizität nicht ganz unbedeutend ist und das sich dank des Internet in massenhafter Weise verbreitet und demokratisiert hat. Es geht um die öffentliche Zurschaustellung der Veränderung des eigenen Lebenswandels, um den publikumswirksam inszenierten Bruch in der eigenen Biographie, um die von Fanfarenstößen begleitete Richtungsänderung im Lebenslauf. Insbesondere ‚Prominenz‘ beruht einem sehr allgemeinen und vagen Sinn nicht zuletzt darauf, stellvertretend für uns alle ein Leben zu leben, das mit all seinen Windungen in exemplarischer Weise erstrebenswert zu sein scheint – und damit Biographien vorlebt, mit denen man sich in positiver oder negativer Weise identifizieren kann. Hier wird Geschichte gemacht, indem die eigene Lebensgeschichte (immer wieder anders) gemacht wird.

Beispiele dafür gibt es in so großer Anzahl, dass sich eine Auflistung kaum lohnt. Jeder Blick in entsprechende Hochglanzmagazine, Talkshows, Lebensgeschichtsbücher, YouTube-Kanäle oder – jawohl! – Blogs offenbart Myriaden an Exempeln, mit denen die eigene Lebensveränderung zum potentiellen Vorbild für alle anderen inszeniert wird. Da begeben sich Menschen zur Sinnsuche auf den Jakobsweg nach Santiago de Compostela; da wird die Familiengründung samt Geburt des ersten Kindes als galaktisch bedeutsames Ereignis vorgeführt; da werden die eigenen Drogenprobleme in aller Öffentlichkeit ausgebreitet, um anschließend sowohl den Entzug wie auch den vorprogrammierten Rückfall nicht minder medienwirksam vorzuführen; da wird der Verlust einer hinreichenden Menge eigenen Körpergewichts als Ereignis gefeiert und als der ideale Weg angeboten, um das eigene Leben zu verbessern, am besten gleich als Buch und auf Blue-Ray; oder da wird der Tod eines nahen Verwandten als so gravierender Schicksalsschlag angesehen, dass der Rest der Welt unbedingt davon erfahren muss – und natürlich von den Konsequenzen, die das für die Hinterbliebenen hat. Mit anderen Worten: Es handelt sich um ganz normale und größtenteils sogar sehr banale Dinge, die jedem und allen von uns in der einen oder anderen Art und Weise zustoßen können. Nur fehlt uns entweder der Zugang zu den entsprechenden medialen Verbreitungskanälen, um den Rest der Welt daran teilhaben zu lassen, oder wir sind nicht narzisstisch genug, um uns derart in der Öffentlichkeit zu entblößen, oder wir verdienen unseren Lebensunterhalt nicht dadurch, die Menschheit mit unserem Leben zu unterhalten.

Kairós

Selbstredend ist die Erkenntnis nicht besonders aufregend, dass all diese Menschen etwas tun, das zum Trivialsten gehört, das sich nur denken lässt. Sie ändern ihr Leben, indem sie es einfach leben – und weil sei es leben, ändert es sich. Aber der wirklich gravierende Unterschied ist: Ein auf diese Art in der Öffentlichkeit geführtes Leben könnte überhaupt nicht funktionieren, wenn es nicht von uns allen mit- und nachgelebt würde, wenn wir es nicht affirmativ übernehmen oder uns kontrastiv davon distanzieren würden. Hier wird also nicht einfach nur die individuelle Historizität eines Lebens vorgelebt, sondern hier wird stellvertretend für uns alle ein mögliches Leben durchgestaltet.

Die Idee, die dahintersteckt, ist relativ leicht zu durchschauen und hört – wenn man an dieser Stelle die bildungsbürgerliche Referenz der griechisch-römischen Antike aufrufen möchte – auf den Namen kairós. Es ist dieser richtige Zeitpunkt, den man zu erwischen hat, diese eine Gelegenheit, die den Lauf der Dinge entscheidend verändern kann und die in emblematischen Darstellungen gern als Figur mit einem Haarschopf an der Stirn abgebildet wurde. Wenn man dort nicht im richtigen Moment zupackte, glitt man an der glattrasierten Hinterseite des Kopfes ab und der kairós war entschwunden.

Die Bezüge zu dem immer wieder aktuellen Gerede darüber, dass man sein Leben ändern und die Selbstverwirklichung finden solle, sind relativ offensichtlich. Die Historie des eigenen Lebens läuft vermeintlich hinaus auf eine eben solche Konvergenz der Zeiten, auf ein Zusammenklappen von zurückgelassener Vergangenheit und neu eröffneter Zukunft im richtigen Moment, im kairós der Gegenwart. Aber bei aller möglichen Einsicht in ein Alles-schon-mal-dagewesen sollten nicht die Unterschiede zu diesem antiken Vorläufer übersehen werden. Denn während der kairós etwas von außen Kommendes war, das man zu erwarten hatte, suggerieren einem heutige Lebensveränderungsexperten, dass wir alles selbst in der Hand hätten. Jeder ist seines Glückes Schmied, so könnte man etwas altdeutsch formulieren. Die Selbstoptimierungstrainer würden es sicherlich etwas anders, aber nicht wesentlich inhaltsreicher auf den Punkt bringen. Das wäre dann die Errungenschaft einer hinreichend kapitalisierten Aufklärung, auf die Gelegenheiten nicht mehr warten zu müssen, sondern sie selbst herbeiführen zu können. Und damit wären wir auch schon bei den Schlagworten, die durch ein personality training dieser oder jener Art verkauft werden, dass man sich nämlich selbst neu erfinden müsse, dass man es selbst schaffen könne, dass sich die Welt nach einem zu richten habe – und was der unfreiwilligen Selbstparodisierung noch mehr ist.

Rückführung in die Verwertungskette

Warum aber wirken all diese öffentlich vollzogenen Metamorphosen, all diese publikumswirksam platzierten Lebensveränderungsgeschichten zumindest unterschwellig, häufig auch recht offensichtlich: unglaubwürdig? Es liegt nicht nur daran, dass der halbwegs wache und kritische Verstand schon aufgrund der Tatsache aufmerksam werden müsste, dass eine neu gefundene Lebenszufriedenheit sich immer gleich marktschreierisch äußern und den neu eingeschlagenen Lebensweg unbedingt allen anderen mitteilen muss – anstatt das zu tun, was man von zufriedenen Menschen erwarten könnte, nämlich einfach mit sich und der Welt zufrieden zu sein. Es liegt auch nicht nur daran, dass man schon rein ökonomisch überhaupt erst einmal dazu in der Lage sein muss, eine solche Lebensmetamorphose zu vollziehen, ein sabbatical einzulegen, zur Sinnsuche nach Asien zu reisen oder sich monatelang allein auf sich selbst zu besinnen, ohne Sorge zu haben, dass morgen der Kühlschrank leer sein könnte. Nein, diese Metamorphosen können vor allem deswegen nicht überzeugen, weil sie notorisch außen vor lassen, dass sie die Zeiten und Geschichten, mit denen sie gleichsam wie mit Jonglierbällen zu hantieren scheinen, eben nicht so selbstbestimmt in der Luft halten, wie sie uns suggerieren. Die Leben, die hier beständig verändert und verbessert werden sollen, werden nämlich immer schon zu einem erheblichen Grad von anderen Umständen gelebt; und die Zeiten, die hier in einem günstigen, selbst gewählten Punkt konvergieren sollen, sind immer schon von anderen gezeitet.

Den Beleg für diese Vermutung liefern all diese Lebensveränderungsgeschichten immer schon selbst. Denn nicht nur, dass sie möglichst öffentlichkeitswirksam vollzogen werden müssen, sie müssen vor allem wieder in die ökonomische Verwertungskette eingespeist werden. Der vermeintliche Auszug aus dem Hamsterrad ist tatsächlich nur der Umzug in ein neues Hamsterrad. Das Buch zum Film zur App zur Vortragstournee liegt ja bereits kaufbereit aus. Und der Erfolg dieser Kommerzialisierungen bietet dann auch den Aufschlag für die nächste öffentlich vorgeführte Lebensverwandlung, die unterschiedlichen Inhalts sein kann: Der Fluch des Erfolgs, Mein Weg zum Erfolg, Worauf es wirklich ankommt, oder andere Lebensberater ähnlicher Art. Anstatt also sein Leben wirklich selbstbestimmt zu gestalten, unterwirft man es erneut und auf höchst heuchlerische Weise einer ökonomischen Temporalisierung, die beständig mehr und beständig anderes will – weshalb man sein Leben ja auch in regelmäßigen Abständen immer wieder ändern muss.

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Friedhof

Blätterleichen

Der November ist eigentlich ein angemessener Monat, um sich einmal den letzten Dingen zuzuwenden. Als Todesmonat mit Allerheiligen und Totensonntag und Volkstrauertag und Halloween und herabfallenden Blätterleichen, die milliardenfach den Boden bedecken und nur noch deprimierende Baumskelette stehen lassen, zwingt er gerade in seiner neblig-grauen, die Sicht bis auf wenige Meter einschränkenden Erscheinungsform dazu, die Nähe des Todes ernst zu nehmen. Wann, wenn nicht jetzt, lohnt sich ein Besuch auf dem Friedhof – selbst wenn man meint, dort gar nichts verloren zu haben?

Sicherlich gibt es das eine oder andere Argument, das sich anführen ließe, um von einem solchen Gang eher abzusehen. Möglicherwiese liegen dort gar keine Verwandten oder Bekannten, die man besuchen könnte. Oder sie liegen zwar auf einem Friedhof, aber in größerer Entfernung, so dass die Ruhestätte, die in halbwegs erreichbarer Nähe ist, keinen Besuchsanlass bietet. Was aber will man auf einem Friedhof, auf dem sich weder Anverwandte noch Berühmtheiten befinden, wenn nicht einem allgemeinen Gefühl der Morbidität frönen? Und ist es nicht überhaupt seltsam, von einem ‚Besuch‘ zu sprechen, wenn es um den Gang auf den Friedhof geht? ‚Besuchen‘ wir nicht möglicherweise uns selbst und unsere eigene Sterblichkeit, die mit jeder Feststellung der Lebensdaten auf einem Grabstein von neuem an unser Hinterstübchen klopft? Und ist der Friedhof nicht der älteren Seniorenbevölkerung vorbehalten, die dort Menschen ihre Reverenz erweisen, die möglicherweise jünger, aber auf jeden Fall toter sind als sie selbst?

Historisierungen des Lebens und des Sterbens

Historisierungen aller Art, also die Einordnungen von Kollektiven in einen größeren zeitlichen Sinnzusammenhang, haben ihren Grund sicherlich nicht ausschließlich, aber ganz wesentlich in der Abstrahierung individueller Lebenserfahrungen in Richtung größerer Zusammenhänge. Deswegen lässt sich füglich über die Geburt, das Wachstum, das Alter oder den Tod von Staaten, Zivilisationen, Imperien und anderen kulturellen Phänomenen sprechen. Solche anthropologisierenden Deutungen sind hinreichend etabliert, seit es ein Nachdenken über geschichliche Zusammenhänge gibt. Es scheint daher nicht allzu weit hergeholt, auch den umgekehrten Weg einzuschlagen und nach den alltäglichen und vermeintlich so selbstverständlichen Historisierungsformen zu fragen, mit denen wir nicht nur unseren Lebensalltag gestalten, sondern auch unser Leben alltäglich gestalten. Und da hat nun einmal der Tod den unschlagbaren Vorteil, ein Ereignis zu sein, bei dem wir nicht, wie sonst üblich, zu spät kommen. Während wir ansonsten immer erst im Nachhinein feststellen können, was geschehen ist, wenn etwas geschehen ist, können wir uns im individuellen Todesfall schon im Vorfeld dieser Angelegenheit gewiss sein, wenn auch ohne den genauen Zeitpunkt zu kennen.

(Obwohl ich an dieser Stelle vorsichtig sein sollte: Selbstverständlich kann man zum Lebensende zu spät kommen, zumindest in seiner zeremoniellen Form. Josef Kelnberger hat in der Süddeutschen Zeitung pünktlich zum 1. November 2015 einen sehr schönen Artikel darüber veröffentlicht, wie sich die Formen des Beerdigens gegenwärtig verändern. Darin berichtet ein Bestattungsunternehmer: „Diese Woche erst hat er zwei Frauen geholfen, ihre Männer zu beerdigen. Zur Zeremonie auf dem Friedhof erschien die eine Frau eine Stunde zu spät. Sie habe den Bus verpasst, sagte sie. Die andere Frau erschien gar nicht. Sie sei 40 Jahre mit diesem Mann verheiratet gewesen, sagte sie, und jetzt habe sie dann mal abgeschlossen mit dem.“)

Relative Ewigkeit

Keine Sorge, ich stelle hier nun keine, allzu häufig ins Triviale abdriftende Überlegungen darüber an, wie sich das menschliche Sein zum Sterben ausgestaltet. Stattdessen könnte ein genauerer Blick auf die Historisierungen des eigenen Lebens gerade im Angesicht des Todes von Interesse sein – und könnte die Einrichtung des Friedhofs dafür ein interessanter Ort sein, nämlich ein Ort der Zeiten, der auch dann einen Besuch wert ist, wenn man dort eigentlich nichts verloren hat. Man kann dort zumindest lehrreiche Modelle für Verzeitungen und Historisierungen finden.

Lassen wir einmal all die einstudierten und sozial abverlangten Verhaltensweisen wie richtige Körperhaltung, angemessener Gesichtsausdruck und bestimmte formelhafte Wendungen beiseite, die von dieser Örtlichkeit eingefordert werden und die selbst von Ungeübten recht schnell zu erlernen sind, so muss einem bei etwas näherem Hinsehen bereits die eine oder andere Begrifflichkeit auffallen. Ein Ausdruck wie ‚Hinterbliebene‘ mag ja in einer Gesellschaft mit einem dominierenden Jenseitsglauben noch Sinn gemacht haben, wirkt aber in unserer diesseitsorientierten Welt reichlich seltsam. Sind denn diejenigen, die sich dort um das Grab herum versammeln, die Bedauernswerten, die sich noch nicht ihres Ablebens erfreuen können? Und müssten dann die Toten nicht konsequenterweise als ‚Vorverstrobene‘ bezeichnet werden?

Und was hat es mit der Praxis auf sich, neben den Namen auch noch die Lebensdaten von Dahingeschiedenen auf Grabsteinen zu vermerken. Für die Bewohner der Gräber kann das kaum gedacht sein. Wenn es aber den Überlebenden als Information dient, welche Botschaft sollen diese Datierungen vermitteln? Sieh mal, wie schnell es gehen oder wie lange es dauern kann, dieses Leben … Die hat zwei Weltkriege erleben müssen und der war in meinem Alter schon zehn Jahre tot …

Überhaupt diese Grabsteine und die Friedhofsanlagen: Man geht über diesen Gottesacker mit der impliziten Vorstellung, dass diejenigen, die dort liegen, in alle Ewigkeit dort liegen werden. Das stimmt aber nur ein einem recht übertragenen Sinn. Denn nicht nur geht das Leben nach dem Tod weiter, so dass natürlich auch die Leichname nicht sich selbst überlassen, sondern dem großen biologischen Verdauungsprozess erhalten bleiben, zudem hat auch die deutsche Bürokratie in Form von Friedhofsverordnungen dem Umstand Rechnung zu tragen, dass der Bedarf an Grabstellen nicht nachlässt. Auf den Friedhöfen herrscht tatsächlich ordentlich Betrieb; ein riesiger Verschiebebahnhof zwischen Lebenden, Tote und schon lang Toten. Die angeblich letzte Ruhestätte ist tatsächlich immer nur die vorletzte, bis ein Grab nämlich nach etwa 25 Jahren aufgelassen wird und Platz für den Nachwuchs machen muss. Die allzeit an diesem Ort gepflegte Rede von der Ewigkeit ist also durchaus zu relativieren. Und das wird über kurz oder lang sogar für die Familiengräber gelten, mit denen man sich einen dauerhaften Platz von ein paar Quadratmetern Größe zu sichern meint; auch für deren Ewigkeitsstatus würde ich nicht meine Hand ins Feuer legen wollen – schließlich ist die Ewigkeit ja doch ein recht langer Zeitraum.

Zeitkreuzungen

Aber gerade diese beständigen, wenn auch eher allmählichen Bewegungen auf dem Friedhof führen zu dem irritierenden Phänomen, dass dort zuweilen weit entfernte Zeitpunkt räumlich nahe zusammenrücken. Dort liegen dann Erna und Wilhelm, die höchstens noch einen Vorgeschmack des 20. Jahrhunderts erahnen konnten, neben Anne-Sophie und Kevin, die außer ihrer physischen möglicherweise auch noch eine virtuelle Grabstelle haben. Sie scheinen nichts miteinander zu tun zu haben und sind doch ganz nah beieinander.

Man kann auf dem Friedhof viel lernen. Man kann sehen, wie sich die Einstellungen zum Tod ändern. Man kann sich selbst von den vielen Gräbern nach dem Sinn des eigenen Lebens und den eigenen Strategien des Überlebens über den Tod hinaus befragen lassen (das Schreiben ist hier beispielsweise eine beliebte Variante). Man kann auch mit Wolfgang Herrndorf die berechtigte Frage stellen, wann endlich einmal mit den Lebenden so pietätvoll umgegangen wird wie mit Sterbenden oder Toten. [1] Und man kann sich auch nach der Zeit und den Zeiten befragen lassen, mit denen und in denen man lebt. Selbst wenn dabei keine ausgefeilte Zeitphilosophie herauskommen sollte (was auch weder zu erwarten noch unbedingt anzustreben wäre), so kann man sich doch von der gleichzeitigen Präsenz von Hinterbliebenen und Vorverstorbenen, von der Vermischung von Ewigkeitswünschen (oder gar Ewigkeitsdünkeln?) und Kurzeitterminierungen, von genauen Lebensdatierungen und deren offensichtlicher Sinnlosigkeit im Angesicht des Todes, vom stummen Gespräch zwischen Diesseitigen und Jenseitigen oder vom räumlichen Nebeneinander chronologisch divergenter Jahrhunderte zumindest soweit irritieren lassen, dass man einer simplen linearen Zeitvorstellung zu misstrauen beginnt.

Der Friedhof ist dann nicht mehr nur ein Ort des Gedenkens, sondern auch des Bedenkens der Zeit(en), die wir haben oder die wir möglicherweise haben wollen. Hier ist nicht nur die Trauer über die Toten zu Hause, sondern auch die Hoffnung anderer Zeitmodalisierungen, weil sich genau hier die sehr unterschiedlichen Verzeitungen begegnen, überkreuzen und gegenseitig durcheinanderbringen. Insofern sei mal wieder ein Besuch auf dem Friedhof angeraten, auch und gerade wenn dazu kein Anlass besteht. Es muss ja nicht der triste November sein. Im Frühjahr ist es dort auch recht schön.

 

Anmerkungen

[1] Wolfgang Herrndorf, Arbeit und Struktur, Berlin 2013, 255.

Etablierte Muster

ZeitungMan nehme einen x-beliebigen Tag. Zum Beispiel den 28. August 2015. Man befrage diesen Tag und das Umgehen mit diesem Tag daraufhin, wie in ihm und mit ihm ‚Geschichte‘ gemacht wird.

Dann wird man feststellen können, wie besorgte Meldungen davon zu berichten wissen, dass die sogenannte ‚deutsche Mittelschicht‘ im Schwinden begriffen ist. Nahezu selbstredend kann eine solche Feststellung nicht ohne eine kurze Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Bundesrepublik auskommen. Mit wenigen Sätzen lässt sich dann der bundesdeutsche Mythos aufrufen, wonach im Nachkriegswirtschaftswunderland im Prinzip allen Menschen die Möglichkeit offen gestanden habe, mit Fleiß und Arbeit den Aufstieg in eben diejenige Mittelschicht zu schaffen, die sich nun gerade zu verflüchtigen scheint. Da wird dann in höchster sprachlicher Konzentriertheit und auch mit erheblicher historischer Simplifizierung eine vermeintlich eindeutige Auf- beziehungsweise Abwärtsentwicklung beschrieben, deren größtes Problem nicht zuletzt darin zu besteht, weiterhin einem Fortschrittsmodell verpflichtet zu sein.

Dann wird man ebenfalls feststellen können, dass auf der anderen Seite der Erdkugel sich das politische Pingpong-Spiel zwischen Nord- und Südkorea im Sinne einer Wiederkehr des Immergleichen beschreiben lässt. Die eine Seite wirft der anderen eine Provokation vor (in diesem Fall sind zwei südkoreanische Soldaten durch eine Mine verletzt worden), die andere reagiert mit einer entsprechenden Gegenprovokation (in diesem Fall wurden nach langer Zeit mal wieder südkoreanische Lautsprecherwände aufgestellt, die Propagandabeschallung über die Grenze schickten). Fast vorhersehbar und nahezu automatisch folgen darauf das einstudierte Säbelgerassel mit entsprechender Kriegsdrohung, hektisch-aufgeregte Krisenverhandlungen und die Belegung der Verstimmungen. So traurig solche Angelegenheiten auch sind, so bekannt kommen sie einem doch vor – nicht zuletzt deswegen, weil sie als zyklische Geschichte von Annäherung und Abstoßung erzählt werden kann. Déjà-vu-Effekte können sich nicht zuletzt deswegen einstellen, weil zumindest auf nordkoreanischer Seite das handelnde Personal eine hohe dynastische Kontinuität aufweist. Aber ansonsten man fast den Eindruck bekommen, dass sich dieser eingespielte, ritualisierte Konflikt auch deswegen nicht auflösen lässt, weil keine alternativen Formen gefunden werden können, um ihn historisch zu beschreiben.

Alles schon sortiert

Und man wird feststellen können: Auch das obligatorische Jubiläum darf nicht fehlen. Das Verlagshaus Gruner + Jahr wird 50 Jahre alt. Wenig überraschend wird dieser runde Geburtstag zu einer entsprechenden Jubiläumsveranstaltung im ehrenwerten Hamburger Rathaus genutzt, bei der offensichtlich genau das geschieht, was bei solchen Jubiläumsveranstaltungen zu geschehen hat. Man spricht ausreichend Festreden und Lobeshymnen und Dankesworte, in denen eifrig historisiert wird, in denen 50 Jahre Tradition beschworen und aus dieser Tradition Verpflichtungen für die Zukunft abgeleitet werden – auch wenn allen Beteiligten klar ist, dass die Notwendigkeiten der Gegenwart sich genau diejenige Vergangenheit produzieren, die man für eine jeweils erwünschte Zukunft braucht.

Sodann wird man feststellen können, dass auch die skurrile Geschichte des Tages nicht ohne historischen Einschlag auskommt. In der Nähe der Stadt San Cristovo de Cea in Galizien ist es offensichtlich gelungen, eine 6000 Jahre alte prähistorische Grabstätte durch eine brandneue Picknickbank-Installation zu ersetzen. Der Schaden ist groß, die Peinlichkeit noch größer. Die Schuld schieben sich die Verantwortlichen in gewohnter Manier gegenseitig zu. Die erstaunte mediale Zuschauerschaft dürfte anhand dieses markanten Beispiels den Verlust eines Stücks Vergangenheit betrauern, wie er auch ansonsten in vielfacher und weniger Aufsehen erregender Form tagtäglich irgendwo stattfindet. Sie dürfte sich aber auch fragen, wieviel von dieser Vergangenheit der dauerhaften Konservierung überantworten werden soll, bis vor lauter Vergangenheit kein Platz mehr für die Gegenwart ist.

Vor allem wird man aber feststellen müssen, dass alle Geschehnisse, die an diesem 28. August 2015 zum Gegenstand historischer Einordnung wurden, nur dazu gemacht werden konnten, weil sie gerade nicht mehr ‚jetzt‘ waren. Erst durch den zeitlichen Abstand von einigen Minuten oder Stunden, von einem Tag oder gar Wochen und Jahren sind sie erzählbar geworden. Und gerade weil sie erzählt und damit in bereits bestehende historische Muster eingeordnet werden können (Aufstieg, Niedergang, Fortschritt, Zyklus, Tradition …), fällt es so schwer, an ihnen noch das zu entdecken, was möglicherweise nicht nur helfen könnte, andere Verständnisse von Geschichte, sondern zugleich andere Verständnisse von uns und unserer Wirklichkeit zu entwickeln. Dazu wäre es tatsächlich nötig, näher und genauer hinzusehen. Mit diesem genaueren Blick verliert man möglicherweise etwas aus dem Blick, das man die Gesamtheit ‚der Geschichte‘ nennen könnte. Aber es stellt sich nicht nur die Frage, wann und von wem diese ‚Gesamtheit‘ jemals in einer Form überblickt wurde, die dem Gegenstand auch nur halbwegs gerecht geworden wäre, sondern es stellt sich ebenso die Frage, ob nicht genau betrachtete und genau beschriebene exemplarische Geschichten hilfreicher sein könnten.

Irritierendes und Unerzählbares

Schließlich wird man feststellen müssen, dass sich genau deshalb die wichtigste und grausamste Nachricht dieses Tages nicht in einer vorgestanzten Weise historisieren lässt. Denn dafür fehlen nicht nur die angemessenen Worte, sondern dafür fehlen uns auch die 71 Lebensgeschichten, die in einem Laster kurz hinter der ungarisch-österreichischen Grenze ein brutales Ende gefunden haben. Vier Kindern, acht Frauen und 59 Männern wurde in diesem Laster auf bestialische Weise das Leben genommen. Nicht nur das Leid ist unvorstellbar, sondern es steht auch zu befürchten, dass ‚die Geschichte‘, die hinter diesem Ereignis steht, niemals hinreichend wird erzählt werden können: Warum diese Menschen (möglicherweise aus Syrien?) geflohen sind, was sie auf ihrem Weg erlebt haben, welchen Schleppern sie in die Hände fielen, welche Angst sie getrieben hat, welche Hoffnungen sie hatten. Und noch schlimmer: Weil diese Flucht nur jenseits der Grenzen der Legalität möglich war, steht sogar zu befürchten, dass nicht nur ihre Geschichten, sondern auch ihre Namen größtenteils unbekannt bleiben werden. Dabei wäre das eine Geschichte, die des Erzählens wert gewesen wäre, die uns möglicherweise mehr Aufschluss über unsere Welt geben könnte, als all die aggregierten Synthesen und statistisch untermauerten Zusammenfassungen. Aber hätten wir auch den Mut, uns eine solche Geschichte erzählen zu lassen, so dass sie uns hinreichend irritieren und verunsichern könnte?

Neue alte Geschichten aus dem 19. Jahrhundertdeutsch

„Deutsch!“ schallt es nachdrücklich aus den Fernsehlautsprechern. „Deutsch! Deutsch! Deutsch!“ In einer Möchtegern-Rammstein-Rums-Manier, die nach Stahl und Schwulst und Schweiß und Leder und überhaupt nach allem schmeckt, was man leichthin mit Deutsch!-Land verbinden könnte, wummert ein schleppender und dumpf stampfender Beat der Band „Die Prinzen“ immer dann los, wenn die Geschichtsdokumentation „Deutschland-Saga“ ihren Anfang nimmt. Drei Folgen dieser Reihe liefen bereits im Herbst 2015, drei weitere folgen nun im Frühjahr 2015.

Man hat von dieser Sendung schon eine ganze Menge verstanden, wenn man den solcherart musikalisch unterlegten Vorspann sieht. Da fährt Christopher Clark – Australier, Deutschland-Experte und Cambridge-Professor, wie regelmäßg betont wird – in einem roten Käfer-Cabriolet durch eine künstliche Erlebnisparklandschaft, in der Abziehbildchen von Repräsentanten deutscher Geschichte herumstehen, vom Neandertaler über Martin Luther bis zu Bismarck und dem Gartenzwerg. In etwas mehr als 20 Sekunden wird ein Dieter-Thomas-Heck-artiger Schnelldurchlauf durch die deutsche Geschichte geboten, und die Zuschauerschaft kann sich historisch gleich zu Hause fühlen, wenn hier lauter Themen offeriert werden, die sie ohnehin schon kennt.

Vor allem aber wird schon hier der Ansatz einer historischen Erzählung deutlich, die sich durch drei Aspekte auszeichnet: erstens Identität, zweitens Kontinuität, und das Ganze drittens gepaart mit dem zuweilen recht verzweifelten Versuch, eine Prise frischer und frecher Darstellungsmittel darüber zu streuen (deswegen: roter Käfer-Cabrio!). Die Chose mutet nicht zuletzt deswegen so bekannt an, weil sie – und das ist das Hauptproblem – einmal mehr in nur leicht abgewandelter Form die Nationalisierungsdiskurse des 19. Jahrhunderts aufwärmt. Da werden frisch, fromm, fröhlich, frei die ganz großen Linien gezogen, von den ‚Deutschen‘ der Steinzeit bis zu den Deutschen der Jetztzeit, da wird eine Substanz ‚deutschen Wesens‘ vorausgesetzt, die jedem gestandenen Nationalisten wahre Freude machen könnte (auch wenn diesem bei der darstellerischen Umsetzung wohl der nötige gravitätische Ernst fehlen würde), und da werden unterschiedslos tausende von Jahren mit all den Differenzen, wie sie sich in sämtlichen Lebensbereichen finden, in einem einzigen Paket zusammengeschnürt und mit dem Siegel „deutsch!“ versehen, so dass es am Ende völlig gleichgültig ist, ob wir uns im Frühmittelalter oder im 19. Jahrhundert befinden.

Differenzierungen unterrühren

Da ist es wenigstens offen und konsequent, wenn die Reihe sich selbst als „Saga“ bezeichnet. Denn das Mythische kommt hier wahrlich nicht zu kurz, wenn es sich auch beständig mit dem Deckmäntelchen der Geschichtswissenschaftlichkeit bedeckt. Anhand alt bekannter Themen – Staat, Kultur, Natur – werden Beispiele in einen Topf geschmissen und mit einem Hochgeschwindigkeitsquirl nicht länger als nötig verrührt, bis ein schwarz-rot-goldener Brei herauskommt. Christopher Clark versucht zwar immer wieder bei den Kommentaren, die er direkt in die Kamera spricht, Anstrengungen zur Differenzierung zu unternehmen, indem er betont, dass es gerade die Unterschiede und die Vielfalt Deutschlands seien, die ihn faszinierten. Diese zarten Pflänzchen historischer Diversität werden aber unmittelbar im Anschluss durch eine nationale Gesamterzählung wieder platt gemacht.

Überhaupt gibt es eigentlich nur einen Grund, weshalb es sich lohnt, diese Sendung anzusehen – und das ist der „Moderator“, wie die Rollenzuweisung im Abspann lautet. Als Professorendarsteller, den eine solche Geschichtsdokumentation zwangsläufig zu benötigen scheint, macht Christopher Clark seine Arbeit wirklich gut. Auch wenn seine fachlichen Qualitäten kaum benötigt werden, so erweist er sich als hervorragender Entertainer und Schauspieler – und Sänger! Die Szenen, in denen er vor die Kamera tritt, gehören zu den wenigen wirklichen Hinguckern dieser Produktion. Nicht nur, dass er dem Ganzen eine gewisse ironische Note und aufgrund seiner Nationalität auch eine recht hilfreiche verfremdende Perspektive zu geben vermag.

Wiederholungszwang

Ansonsten ist es aber ein geradezu unheimlicher, um nicht zu sagen unverschämter Widerholungszwang zweiter Ordnung, der in dieser Serie ausgeübt und eingeübt wird. Nicht nur, dass inhaltlich die fadesten Nationalitätsdiskurse des 19. Jahrhunderts wiederholt werden, darüber hinaus kopiert sich das Geschichtsfernsehen hier selbst, weil zu den einzelnen Themen zumeist Spielszenen verwendet werden, die bereits älteren Sendungen entstammen. Und diese Form der Zweiterverwertung erfährt dann noch eine zusätzliche Rückkopplungsschleife in den einzelnen Folgen selbst, weil manche Szenen gleich mehrfach verwendet werden. So fährt Madame de Staël wiederholt in ihrer Kutsche durch dieses Deutsch!-Land, und zwar immer dann, wenn man in der Erzählung eine etwas verfremdende Außenperspektive benötigt. Da stellt sich dann schon die Frage, ob sich die Themen dieser Reihe einem eigenständigen Konzept verdanken oder vor allem unter dem Gesichtspunkt ausgesucht wurden, ob bereits entsprechendes Material in den fernseheigenen Archiven lagerte, das problemlos wiederverwertet werden konnte.

Einen gesonderten Abzug in der B-Note bekommt die Musikredaktion, die zwar notorisch witzig sein möchte, dabei aber durchgehend plump wirkt. Die Völkerwanderung mit einer Coverversion von Dylans „Blowin‘ in the wind“ zu untermalen, die Fahrten Mark Twains auf dem Neckar mit „Wasn’t born to follow“ von den Byrds anzureichern oder das Thema deutscher Fürsten im 18. Jahrhundert als Mäzene für Künstler und Schriftsteller mit „Hey Big Spender“ lautstark zu kommentieren, wirkt aufdringlich. Auch da muss der Moderator rettend dagegen halten, wenn er auf dem Rhein Schubert-Lieder anstimmt oder sich singend beim Leipziger Thomaner-Chor einreiht.

Auf der Suche nach den Televisionären

Wenn in jüngerer Zeit wiederholt und zu Recht gefordert wird, im Fernsehen intelligentere Geschichten zu erzählen, uns als Zuschauer mehr zu fordern, so wie dies in den gut gemachten und in den Feuilletons dieses Landes immer wieder gelobten amerikanischen oder skandinavischen Fernsehserien geschieht (Breaking Bad, House of Cards, True Detectives, Borgen), dann stellt sich die Frage, ob Nämliches nicht auch für dokumentarisches Fernsehen gelten darf. Insbesondere das allseits beliebte und regelmäßig mit hohen Einschaltquoten aufwartende deutsche Geschichtsfernsehen hat sich in seiner jüngeren Vergangenheit erfolgreich darum bemüht, seinen Ruf gründlich zu ruinieren. Nicht nur weil es mit den immer gleichen Themen, den immer gleichen Darstellungsmitteln und den immer gleichen Auseinandersetzungen mit der akademischen Geschichtswissenschaft aufwartet – sondern vor allem weil es die immer gleichen Narrative bemüht. Die sind so verlässlich und so vorhersehbar wie öffentlich-rechtliche Vorabendserien.

Nota bene: Mir geht es hier überhaupt nicht darum, für historische Dokumentationen einen größeren Einfluss der Geschichtswissenschaft zu fordern. Dafür wäre dieses Format völlig fehl am Platz. Im Gegenteil: Ähnlich wie sich die Geschichtsschreibung um Darstellungsformen bemühen sollte, die nicht einfach nur den Status quo repetieren, sollte es doch auch gerade für das Geschichtsfernsehen eine Herausforderung sein, etablierte Pfade zu verlassen und Geschichte(n) einmal anders zu erzählen – insbesondere dann, wenn diese Pfade bis ins 19. Jahrhundert zurückreichen.

Dann wäre es beispielsweise möglich, das deutsch!-nationale Muster einmal zu verabschieden, um stattdessen Geschichten zu erzählen, die sich an ganz anderen Instanzen orientieren, die beispielsweise anhand von Verkehrsmitteln, Sportbetätigungen, Schönheitsidealen oder Naturauffassungen tatsächlich einmal wesentlich stärker die Vielfältigkeiten und Differenzierungen in den Mittelpunkt rücken, anstatt eine krude Identitätsbildung zu forcieren.

Den Moderator kann man dann auch gerne behalten.

An das Vergessen erinnernforget it

Kaum scheint uns alles zuhanden, müssen wir es auch schon wieder loswerden. Kaum ist die jüngste Medienrevolution entlarvt worden, doch nicht der Eintritt ins Paradies gewesen zu sein, müssen wir uns auch schon mit ihren höllischen Folgewirkungen herumschlagen. Kaum scheint es uns gelungen, schier endlose Mengen an Daten und Informationen halbwegs dauerhaft für einen erheblichen Teil der Menschheit verfügbar zu machen, sind wir uns nicht mehr sicher, ob das auch wirklich alles gewusst werden soll. Kaum glauben wir die Möglichkeiten an der Hand zu haben, an alles erinnern zu können, fällt uns auf, wie wichtig es ist, auch mal vergessen zu dürfen.

Am Beispiel des Rechts auf Vergessenwerden im Internet, das nun schon seit geraumer Zeit vor allem unter juristischen Vorzeichen diskutiert wird, lässt sich nicht nur einiges über unser Verhältnis zum „Neuland“-Medium lernen, sondern werden auch die temporalen Probleme offenbar, die jede Verschiebung im medialen Ensemble mit sich bringt.

Das Recht auf Vergessenwerden entweder einzufordern oder vehement abzulehnen, zeigt nicht zuletzt die widersprüchlich erscheinenden Folgewirkungen einer Demokratisierung von Informationen an (von Wissen würde ich hier ausdrücklich noch nicht sprechen wollen). Bei dem Versuch, einen möglichst großen Teil der Bevölkerung an der res publica, an den öffentlichen Angelegenheiten teilhaben zu lassen, setzt man nicht ganz zu Unrecht auf den Zugang und die Verbreitung entsprechender Informationen durch geeignete Medien. Mit dem Internet verband sich ja die Hoffnung, auf eben diesem Weg einen gehörigen Schritt weitergekommen, wenn nicht sogar bereits am Ziel angekommen zu sein. Wie sehr sich eine solche Hoffnung inzwischen als Illusion herausgestellt hat, können wir seit Jahren auf unterschiedliche Art und Weise erfahren. Erstens gibt die Kontrolle über das Medium immer noch ausreichende Möglichkeiten an die Hand, um zu bestimmen, was eine wie auch immer geartete Öffentlichkeit erfahren darf und was nicht. Zweitens bringt das Internet ganz neue Formen zur Herstellung von Arkanpolitik und Geheimwissen hervor, die zuvor überhaupt nicht möglich gewesen waren (worauf wir dann wieder durch Whistleblower hingewiesen werden). Und drittens schlägt die Demokratisierung von Informationen weniger bei den res publica als vielmehr bei den res privata durch. Und genau hier, bei den intimen Angelegenheiten, die nicht von allen problemlos in Erfahrung gebracht werden sollen, wird das Recht auf Vergessenwerden akut – beim peinlichen Partyfoto, dem Urlaubsvideo in allzu leichter Bekleidung oder einem despektierlichen Blogeintrag.

Stellt sich natürlich die Frage, was man höher bewertet wissen möchte, den freien und demokratischen Zugang zu Informationen oder die Wahrung der Privatsphäre. Zur Diskussion steht dann eine Grenzziehung, die sich niemals endgültig fixieren lässt, nämlich zwischen dem Beginn des Privaten und dem Ende des Öffentlichen. Müssen es sich Prominente gefallen lassen, dass ihre Urlaubsbilder im Netz verfügbar sind, weil es sich um Personen des öffentlichen Lebens handelt? Haben Arbeitgeber ein berechtigtes Interesse an den gefilmten Alkoholexzessen ihrer Angestellten, weil davon ihr Unternehmen unmittelbar betroffen ist? Hier steht nichts weniger auf dem Spiel als die Frage nach der Entgrenzung jedes einzelnen Lebens in die Allgemeinheit hinein.

Forget it!

Aber das ist ja nur die aktualitätsfixierte Seite des Themas, nur derjenige Aspekt, der Schlagzeilen zu produzieren verspricht, weil Semi- oder Vollprominente Gerichtsprozesse anstrengen oder in der Rubrik „Vermischtes und Skurriles“ junge Menschen auftauchen, die beim Bewerbungsgespräch mit ihrer nicht lebenslauftauglichen Vergangenheit konfrontiert werden. Daneben und darunter spielen sich aber andere Auseinandersetzungen um Grenzziehungen ab, die weniger das Private/Öffentliche, sondern eher das Gestern/Heute/Morgen und das Vergessensollen/Erinnernmüssen betreffen. Kann man also Vergessen dekretieren? Schließlich kennen wir alle diesen Gag aus der Psychologen-Trickkiste für blutige Anfänger: Was passiert, wenn man jemanden auffordert, auf gar keinen Fall an den rosa Elefanten zu denken? Eben…

Alle Formen der Zensur können von diesem Dilemma ein Lied singen. Gerade dann, wenn man es sich als Wahrer von guter Ordnung, Moral und Sitte zum Ziel gesetzt hat, eine bestimmte Verlautbarung, die gegen diese selbst gesetzten Prinzipien verstößt, in ihre Schranken zu weisen, gerade dann erfährt diese Verlautbarung besondere Aufmerksamkeit. Wenn man auf gar keinen Fall vergessen werden will, sollte man sich also intensiv darum bemühen, dass einen andere vergessen machen wollen – dann erhöht sich die Chance deutlich, erinnert zu werden. Womit wir auch schon beim nächsten Problem angelangt wären, inwieweit nämlich Vergessen entweder ein aktiver oder passiver Vorgang ist. Kann man sich tatsächlich dazu zwingen, etwas zu vergessen (siehe rosa Elefant) oder muss man nicht warten, bis bestimmte Erinnerungen durch andere überlagert werden?

Weil das aktive Vergessen auf einer individuellen und kognitionstheoretischen Ebene füglich zu bezweifeln ist, konnte Umberto Eco in einem viel zitierten Beitrag (aber welcher Beitrag von ihm wäre nicht viel zitiert?) auch zurecht behaupten, dass man eine Kunst des Vergessens vergessen könne. [1] Die Befürworter eines Rechts auf Vergessen könnten dem entgegnen, dass es ihnen darum auch gar nicht gehe. Die Kunst zur Auslöschung bestimmter individueller Gedächtnisinhalte interessiere sie gar nicht, vielmehr gehe es darum, bestimmte Inhalte für das kollektive Gedächtnis unzugänglich zu machen. Und damit wäre dann auch eine wichtige Präzisierung in der gesamten Diskussion um das Recht auf Vergessenwerden im Internet erreicht. Um das Vergessen geht es nämlich überhaupt nicht. Es geht nur darum, die Verbindungen zu kappen und die Spuren zu löschen, die zu bestimmten Inhalten hinführen könnten, und das vor allem bei der wichtigsten Suchmaschine Google. Vergessen wird hier also gar nichts, es wird höchstens das Suchen erschwert.

Aber das Signal ist natürlich trotzdem nicht zu unterschätzen, denn schon seit halben Ewigkeiten bemühen sich Kulturen darum, unliebsame Inhalte per Dekret aus dem kollektiven Gedächtnis zu entfernen. Bedeutsam wurde ein solches Vorgehen regelmäßig nach Kriegen, wenn in Friedensverträgen festgehalten wurde, dass alle Erinnerungen an begangene Grausamkeiten und Freveltaten ausgelöscht werden sollten. (Dieses Vergessensgebot hat sich erst im Verlauf der Kriege des 20. Jahrhunderts in das Gegenteil eines Erinnerungsgebots verkehrt.) Sollte bei solchen Bemühungen also die Grenze zwischen Gegenwart und Vergangenheit aufrecht erhalten werden, um den gewesenen Krieg nicht in das Heute hineinschwappen zu lassen, handelt es sich in Zeiten des Internet eher um den Versuch, die alles umfassende Technik nicht vollständig das eigene Leben bestimmen zu lassen. Aber um ein wirkliches Vergessen kann es natürlich nicht gehen. Es kann nur um eine symbolisch aufzurufende Markierung gehen, entsprechende Grenzziehungen einzuhalten. Wer sich daran nicht gebunden fühlt, wird problemlos Wege finden, das Recht auf Vergessenwerden zu vergessen.

Heute das Gestern von morgen bestimmen

Historisch interessant ist die gesamte Angelegenheit, weil wir es hier auch mit einem Versuch zu tun haben, Grenzen zwischen den Zeiten zu ziehen. Schließlich steckt hinter dem Recht auf Vergessenwerden ganz wesentlich der Versuch, ein bestimmtes Stück Vergangenheit im Orkus verschwinden zu lassen, und damit heute schon bestimmen zu wollen, was man morgen noch über das Gestern wissen kann. Das hat bereits diverse Menschen und Gruppen auf den Plan gerufen, die sich gegen eine Zensur der Vergangenheit und damit einhergehende Konsequenzen für die historische Forschung gewendet haben.

Dieser Aspekt ist wahrlich nicht zu unterschätzen. Denn in der Tat ist hier das Bemühen zu beobachten, schon heute eine Vergangenheit zu kreieren, die erst morgen relevant werden dürfte. Zugleich ist die gesamte Diskussion in einen größeren Rahmen einzuordnen. Menschen und Kulturen waren zu allen Zeiten mittels unterschiedlicher Techniken darum bemüht, nicht nur Erinnerungen zu bewahren, sondern auch das Vergessen aktiv zu befördern (damnatio memoriae). Und auch wir, hier und heute, in den vergangenheitsseligen Zeiten des frühen 21. Jahrhunderts, sind auf vielfachem Weg darum bemüht, die Vergangenheit von morgen zu produzieren. Sehen wir uns doch nur die Praxis derjenigen an, die aus durchaus berechtigten Gründen das Recht auf Vergessenwerden fürchten: In Archiven werden die Konsequenzen diskutiert, die mit entsprechenden juristischen Regelungen einhergehen könnten. Aber was tun denn die Archive selbst, wenn nicht als Vergessensmaschinen zu fungieren? Im Gegensatz zu der zuweilen immer noch anzutreffenden Überzeugung, dass Archive vor allem dazu da seien, Dokumente übe die Zeiten hinweg aufzubewahren, die für Institutionen und Kollektive von Bedeutung sind, muss man festhalten, dass das weniger als die halbe Wahrheit ist. Archive sind in wesentlich größerem Maß damit beschäftigt, Erinnerungen zu tilgen, weil sie das allermeiste Material, das ihnen zugeführt wird (deutlich über 90%) vernichten müssen. Hier geht es vielleicht weniger um die Frage, ob man vergessen darf (oder muss), sondern eher um die Frage, wer darüber entscheiden kann, was vergessen werden darf.

Das Recht auf Vergessenwerden allein auf Internetsuchmaschinen zu delegieren, ist also reichlich kurz gesprungen. Denn es sind nicht Maschinen, die vergessen, sondern es sind Menschen, die vergessen sollen. Das menschliche Vergessen steht aber nicht nur unter einem gewissen kognitiven Vorbehalt, sondern hängt auch von der Benutzung anderer Medien als dem Internet ab (die soll es ja geben!) sowie von den Anstrengungen, die man auf sich zu nehmen bereit ist. Denn sich zu erinnern, erfordert tatsächlich Mühe. Unterlässt man diesen Energieaufwand, ist dem Vergessen kaum Einhalt zu gebieten.

Würde man den Versuch einer quantifizierenden Bestandsaufnahme unternehmen, würde sich wohl ohne weiteres herausstellen, dass im Umgang mit der Vergangenheit das Vergessen ohnehin der wesentlich normalere Vorgang als das Erinnern ist. Geht wohl auch gar nicht anders, denn wie schon Jorge Luis Borges wusste, würde das vollkommene Gedächtnis zur ebenso vollkommenen Lebensunfähigkeit führen. [2] Möglicherweise werden solche Überlegungen gemieden, weil sie das unumgängliche Paradox vor Augen führen, das unser Verhältnis mit der Vergangenheit prägt, es nämlich mit einer anwesenden Abwesenheit zu tun zu haben. Die Vergangenheit existiert nicht mehr, und gerade deswegen müssen wir zumindest einige letzte Spurenelemente davon gegenwärtig halten. Das Recht auf Vergessenwerden scheint in diesem schütteren Rest von Vergangenem noch mehr weiße Flecken produzieren zu wollen. Vielleicht ist die Diskussion darum aber auch nur ein Ausdruck unseres Unbehagens, das uns angesichts der medialen Möglichkeiten umfassender Geschichtsproduktion auf allen gesellschaftlichen Ebenen überfällt. Vielleicht wollen wir nur das Paradox einer Vergangenheit zurückhaben, die wirklich vergangen und nur deshalb gegenwärtig ist.

 

[1] Umberto Eco: An Ars Oblivionalis? Forget it!, in: Publications of the Modern Language Association (PMLA) 103 (1988) 254-261.

[2] Jorge Luis Borges: Das unerbittliche Gedächtnis, in: ders., Fiktionen. Erzählungen 1939-1944, 6. Aufl. Frankfurt a.M. 1999, 95-104.

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