Abschied und Willkommleben ändern

Das soll er sein, der letzte Eintrag auf diesem Blog. Sollte man sich die Mühe machen, die Historie dieses Mikromediums nachzuverfolgen, könnte man unschwer feststellen, dass die Frequenz der Einträge in den vergangenen Monaten merklich zurückgegangen ist. Das ließe sich als nachlassendes Interesse interpretieren. Tatsächlich hat es aber mit der Umleitung meiner Schreibenergie zu tun. So viel Vergnügen mir das Blogschreiben auch bereitet, so ist es doch nur ein Buchstabenfeld neben anderen, das zu beackern ist. Daher habe ich den Entschluss gefasst, nicht das Bloggen aufzugeben, aber seine Form zu verändern. Anstatt nur sporadisch alle paar Wochen (oder gar Monate) einmal die Zeit zu finden, mich an dieser Stelle zu äußern und das Blog auf diese Weise zu einem Nebenhermedium zu machen, will ich es zukünftig konzentrierter und gleichzeitig ausgiebiger nutzen: als Mitteilungsform, das seinen Möglichkeiten gerecht wird, als aktuelles, auf eingreifendes Kommentieren angelegtes und nicht zuletzt auch ephemeres Medium. Man könnte auch sagen, dass ich mich medial meinem wissenschaftlichen Forschungsgebiet, der frühneuzeitlichen Geschichte, annähere. Denn zumindest das 16. und 17. Jahrhundert waren in Europa nicht zuletzt durch das Medium des Flugblatts geprägt, das seine Nachrichten dann in der Welt verbreitete, wenn es etwas zu berichten gab. Erst im Verlauf des 17. Jahrhunderts erlebte die regelmäßig publizierte Zeitung ihren allmählichen Aufstieg, die nicht dann erschien, wenn etwas Berichtenswertes geschehen war, sondern immer erschien, unabhängig davon, was in der (nicht) Welt vor sich ging. Ich werde mich blogmäßig in Richtung Flugblatt orientieren. Und die nächste Gelegenheit für den adäquaten Einsatz dieser Technik lässt nicht lange auf sich warten. 2017 steht uns der nächste historische Jubiläumshype ins Haus. 500 Jahre Reformation sollen nicht nur gefeiert werden, sondern werden in eiliger Vorfreude schon längst begangen. Zeit also, als teilnehmender Beobachter für eine Weile diesen Geburtstagsfeierlichkeiten beizuwohnen. Ein Jahr lang werde ich vom 1. November 2016 bis zum 31. Oktober 2017 meine Aufmerksamkeit nicht nur Martin Luther, der Reformation und den dazugehörigen Jubiläumsveranstaltungen widmen (und damit einen weiteren Bezug zum Flugblattzeitalter eröffnen), sondern vor allem der deutschen Geschichtskultur den einen oder anderen Besuch abstatten. Titel des Ganzen: Mein Jahr mit Luther. Unterwegs in der deutschen Geschichtskultur

Lebensveränderungen

Ich schließe also eine Geschichte ab, beginne an ihrer statt eine neue. Und wenn auch von einer noch so peripheren Position, wenn auch in einer noch so marginalen Situation, so tue ich damit doch etwas, das für unsere gegenwärtige Konstitution von Historizität nicht ganz unbedeutend ist und das sich dank des Internet in massenhafter Weise verbreitet und demokratisiert hat. Es geht um die öffentliche Zurschaustellung der Veränderung des eigenen Lebenswandels, um den publikumswirksam inszenierten Bruch in der eigenen Biographie, um die von Fanfarenstößen begleitete Richtungsänderung im Lebenslauf. Insbesondere ‚Prominenz‘ beruht einem sehr allgemeinen und vagen Sinn nicht zuletzt darauf, stellvertretend für uns alle ein Leben zu leben, das mit all seinen Windungen in exemplarischer Weise erstrebenswert zu sein scheint – und damit Biographien vorlebt, mit denen man sich in positiver oder negativer Weise identifizieren kann. Hier wird Geschichte gemacht, indem die eigene Lebensgeschichte (immer wieder anders) gemacht wird.

Beispiele dafür gibt es in so großer Anzahl, dass sich eine Auflistung kaum lohnt. Jeder Blick in entsprechende Hochglanzmagazine, Talkshows, Lebensgeschichtsbücher, YouTube-Kanäle oder – jawohl! – Blogs offenbart Myriaden an Exempeln, mit denen die eigene Lebensveränderung zum potentiellen Vorbild für alle anderen inszeniert wird. Da begeben sich Menschen zur Sinnsuche auf den Jakobsweg nach Santiago de Compostela; da wird die Familiengründung samt Geburt des ersten Kindes als galaktisch bedeutsames Ereignis vorgeführt; da werden die eigenen Drogenprobleme in aller Öffentlichkeit ausgebreitet, um anschließend sowohl den Entzug wie auch den vorprogrammierten Rückfall nicht minder medienwirksam vorzuführen; da wird der Verlust einer hinreichenden Menge eigenen Körpergewichts als Ereignis gefeiert und als der ideale Weg angeboten, um das eigene Leben zu verbessern, am besten gleich als Buch und auf Blue-Ray; oder da wird der Tod eines nahen Verwandten als so gravierender Schicksalsschlag angesehen, dass der Rest der Welt unbedingt davon erfahren muss – und natürlich von den Konsequenzen, die das für die Hinterbliebenen hat. Mit anderen Worten: Es handelt sich um ganz normale und größtenteils sogar sehr banale Dinge, die jedem und allen von uns in der einen oder anderen Art und Weise zustoßen können. Nur fehlt uns entweder der Zugang zu den entsprechenden medialen Verbreitungskanälen, um den Rest der Welt daran teilhaben zu lassen, oder wir sind nicht narzisstisch genug, um uns derart in der Öffentlichkeit zu entblößen, oder wir verdienen unseren Lebensunterhalt nicht dadurch, die Menschheit mit unserem Leben zu unterhalten.

Kairós

Selbstredend ist die Erkenntnis nicht besonders aufregend, dass all diese Menschen etwas tun, das zum Trivialsten gehört, das sich nur denken lässt. Sie ändern ihr Leben, indem sie es einfach leben – und weil sei es leben, ändert es sich. Aber der wirklich gravierende Unterschied ist: Ein auf diese Art in der Öffentlichkeit geführtes Leben könnte überhaupt nicht funktionieren, wenn es nicht von uns allen mit- und nachgelebt würde, wenn wir es nicht affirmativ übernehmen oder uns kontrastiv davon distanzieren würden. Hier wird also nicht einfach nur die individuelle Historizität eines Lebens vorgelebt, sondern hier wird stellvertretend für uns alle ein mögliches Leben durchgestaltet.

Die Idee, die dahintersteckt, ist relativ leicht zu durchschauen und hört – wenn man an dieser Stelle die bildungsbürgerliche Referenz der griechisch-römischen Antike aufrufen möchte – auf den Namen kairós. Es ist dieser richtige Zeitpunkt, den man zu erwischen hat, diese eine Gelegenheit, die den Lauf der Dinge entscheidend verändern kann und die in emblematischen Darstellungen gern als Figur mit einem Haarschopf an der Stirn abgebildet wurde. Wenn man dort nicht im richtigen Moment zupackte, glitt man an der glattrasierten Hinterseite des Kopfes ab und der kairós war entschwunden.

Die Bezüge zu dem immer wieder aktuellen Gerede darüber, dass man sein Leben ändern und die Selbstverwirklichung finden solle, sind relativ offensichtlich. Die Historie des eigenen Lebens läuft vermeintlich hinaus auf eine eben solche Konvergenz der Zeiten, auf ein Zusammenklappen von zurückgelassener Vergangenheit und neu eröffneter Zukunft im richtigen Moment, im kairós der Gegenwart. Aber bei aller möglichen Einsicht in ein Alles-schon-mal-dagewesen sollten nicht die Unterschiede zu diesem antiken Vorläufer übersehen werden. Denn während der kairós etwas von außen Kommendes war, das man zu erwarten hatte, suggerieren einem heutige Lebensveränderungsexperten, dass wir alles selbst in der Hand hätten. Jeder ist seines Glückes Schmied, so könnte man etwas altdeutsch formulieren. Die Selbstoptimierungstrainer würden es sicherlich etwas anders, aber nicht wesentlich inhaltsreicher auf den Punkt bringen. Das wäre dann die Errungenschaft einer hinreichend kapitalisierten Aufklärung, auf die Gelegenheiten nicht mehr warten zu müssen, sondern sie selbst herbeiführen zu können. Und damit wären wir auch schon bei den Schlagworten, die durch ein personality training dieser oder jener Art verkauft werden, dass man sich nämlich selbst neu erfinden müsse, dass man es selbst schaffen könne, dass sich die Welt nach einem zu richten habe – und was der unfreiwilligen Selbstparodisierung noch mehr ist.

Rückführung in die Verwertungskette

Warum aber wirken all diese öffentlich vollzogenen Metamorphosen, all diese publikumswirksam platzierten Lebensveränderungsgeschichten zumindest unterschwellig, häufig auch recht offensichtlich: unglaubwürdig? Es liegt nicht nur daran, dass der halbwegs wache und kritische Verstand schon aufgrund der Tatsache aufmerksam werden müsste, dass eine neu gefundene Lebenszufriedenheit sich immer gleich marktschreierisch äußern und den neu eingeschlagenen Lebensweg unbedingt allen anderen mitteilen muss – anstatt das zu tun, was man von zufriedenen Menschen erwarten könnte, nämlich einfach mit sich und der Welt zufrieden zu sein. Es liegt auch nicht nur daran, dass man schon rein ökonomisch überhaupt erst einmal dazu in der Lage sein muss, eine solche Lebensmetamorphose zu vollziehen, ein sabbatical einzulegen, zur Sinnsuche nach Asien zu reisen oder sich monatelang allein auf sich selbst zu besinnen, ohne Sorge zu haben, dass morgen der Kühlschrank leer sein könnte. Nein, diese Metamorphosen können vor allem deswegen nicht überzeugen, weil sie notorisch außen vor lassen, dass sie die Zeiten und Geschichten, mit denen sie gleichsam wie mit Jonglierbällen zu hantieren scheinen, eben nicht so selbstbestimmt in der Luft halten, wie sie uns suggerieren. Die Leben, die hier beständig verändert und verbessert werden sollen, werden nämlich immer schon zu einem erheblichen Grad von anderen Umständen gelebt; und die Zeiten, die hier in einem günstigen, selbst gewählten Punkt konvergieren sollen, sind immer schon von anderen gezeitet.

Den Beleg für diese Vermutung liefern all diese Lebensveränderungsgeschichten immer schon selbst. Denn nicht nur, dass sie möglichst öffentlichkeitswirksam vollzogen werden müssen, sie müssen vor allem wieder in die ökonomische Verwertungskette eingespeist werden. Der vermeintliche Auszug aus dem Hamsterrad ist tatsächlich nur der Umzug in ein neues Hamsterrad. Das Buch zum Film zur App zur Vortragstournee liegt ja bereits kaufbereit aus. Und der Erfolg dieser Kommerzialisierungen bietet dann auch den Aufschlag für die nächste öffentlich vorgeführte Lebensverwandlung, die unterschiedlichen Inhalts sein kann: Der Fluch des Erfolgs, Mein Weg zum Erfolg, Worauf es wirklich ankommt, oder andere Lebensberater ähnlicher Art. Anstatt also sein Leben wirklich selbstbestimmt zu gestalten, unterwirft man es erneut und auf höchst heuchlerische Weise einer ökonomischen Temporalisierung, die beständig mehr und beständig anderes will – weshalb man sein Leben ja auch in regelmäßigen Abständen immer wieder ändern muss.

Friedhof

Blätterleichen

Der November ist eigentlich ein angemessener Monat, um sich einmal den letzten Dingen zuzuwenden. Als Todesmonat mit Allerheiligen und Totensonntag und Volkstrauertag und Halloween und herabfallenden Blätterleichen, die milliardenfach den Boden bedecken und nur noch deprimierende Baumskelette stehen lassen, zwingt er gerade in seiner neblig-grauen, die Sicht bis auf wenige Meter einschränkenden Erscheinungsform dazu, die Nähe des Todes ernst zu nehmen. Wann, wenn nicht jetzt, lohnt sich ein Besuch auf dem Friedhof – selbst wenn man meint, dort gar nichts verloren zu haben?

Sicherlich gibt es das eine oder andere Argument, das sich anführen ließe, um von einem solchen Gang eher abzusehen. Möglicherwiese liegen dort gar keine Verwandten oder Bekannten, die man besuchen könnte. Oder sie liegen zwar auf einem Friedhof, aber in größerer Entfernung, so dass die Ruhestätte, die in halbwegs erreichbarer Nähe ist, keinen Besuchsanlass bietet. Was aber will man auf einem Friedhof, auf dem sich weder Anverwandte noch Berühmtheiten befinden, wenn nicht einem allgemeinen Gefühl der Morbidität frönen? Und ist es nicht überhaupt seltsam, von einem ‚Besuch‘ zu sprechen, wenn es um den Gang auf den Friedhof geht? ‚Besuchen‘ wir nicht möglicherweise uns selbst und unsere eigene Sterblichkeit, die mit jeder Feststellung der Lebensdaten auf einem Grabstein von neuem an unser Hinterstübchen klopft? Und ist der Friedhof nicht der älteren Seniorenbevölkerung vorbehalten, die dort Menschen ihre Reverenz erweisen, die möglicherweise jünger, aber auf jeden Fall toter sind als sie selbst?

Historisierungen des Lebens und des Sterbens

Historisierungen aller Art, also die Einordnungen von Kollektiven in einen größeren zeitlichen Sinnzusammenhang, haben ihren Grund sicherlich nicht ausschließlich, aber ganz wesentlich in der Abstrahierung individueller Lebenserfahrungen in Richtung größerer Zusammenhänge. Deswegen lässt sich füglich über die Geburt, das Wachstum, das Alter oder den Tod von Staaten, Zivilisationen, Imperien und anderen kulturellen Phänomenen sprechen. Solche anthropologisierenden Deutungen sind hinreichend etabliert, seit es ein Nachdenken über geschichliche Zusammenhänge gibt. Es scheint daher nicht allzu weit hergeholt, auch den umgekehrten Weg einzuschlagen und nach den alltäglichen und vermeintlich so selbstverständlichen Historisierungsformen zu fragen, mit denen wir nicht nur unseren Lebensalltag gestalten, sondern auch unser Leben alltäglich gestalten. Und da hat nun einmal der Tod den unschlagbaren Vorteil, ein Ereignis zu sein, bei dem wir nicht, wie sonst üblich, zu spät kommen. Während wir ansonsten immer erst im Nachhinein feststellen können, was geschehen ist, wenn etwas geschehen ist, können wir uns im individuellen Todesfall schon im Vorfeld dieser Angelegenheit gewiss sein, wenn auch ohne den genauen Zeitpunkt zu kennen.

(Obwohl ich an dieser Stelle vorsichtig sein sollte: Selbstverständlich kann man zum Lebensende zu spät kommen, zumindest in seiner zeremoniellen Form. Josef Kelnberger hat in der Süddeutschen Zeitung pünktlich zum 1. November 2015 einen sehr schönen Artikel darüber veröffentlicht, wie sich die Formen des Beerdigens gegenwärtig verändern. Darin berichtet ein Bestattungsunternehmer: „Diese Woche erst hat er zwei Frauen geholfen, ihre Männer zu beerdigen. Zur Zeremonie auf dem Friedhof erschien die eine Frau eine Stunde zu spät. Sie habe den Bus verpasst, sagte sie. Die andere Frau erschien gar nicht. Sie sei 40 Jahre mit diesem Mann verheiratet gewesen, sagte sie, und jetzt habe sie dann mal abgeschlossen mit dem.“)

Relative Ewigkeit

Keine Sorge, ich stelle hier nun keine, allzu häufig ins Triviale abdriftende Überlegungen darüber an, wie sich das menschliche Sein zum Sterben ausgestaltet. Stattdessen könnte ein genauerer Blick auf die Historisierungen des eigenen Lebens gerade im Angesicht des Todes von Interesse sein – und könnte die Einrichtung des Friedhofs dafür ein interessanter Ort sein, nämlich ein Ort der Zeiten, der auch dann einen Besuch wert ist, wenn man dort eigentlich nichts verloren hat. Man kann dort zumindest lehrreiche Modelle für Verzeitungen und Historisierungen finden.

Lassen wir einmal all die einstudierten und sozial abverlangten Verhaltensweisen wie richtige Körperhaltung, angemessener Gesichtsausdruck und bestimmte formelhafte Wendungen beiseite, die von dieser Örtlichkeit eingefordert werden und die selbst von Ungeübten recht schnell zu erlernen sind, so muss einem bei etwas näherem Hinsehen bereits die eine oder andere Begrifflichkeit auffallen. Ein Ausdruck wie ‚Hinterbliebene‘ mag ja in einer Gesellschaft mit einem dominierenden Jenseitsglauben noch Sinn gemacht haben, wirkt aber in unserer diesseitsorientierten Welt reichlich seltsam. Sind denn diejenigen, die sich dort um das Grab herum versammeln, die Bedauernswerten, die sich noch nicht ihres Ablebens erfreuen können? Und müssten dann die Toten nicht konsequenterweise als ‚Vorverstrobene‘ bezeichnet werden?

Und was hat es mit der Praxis auf sich, neben den Namen auch noch die Lebensdaten von Dahingeschiedenen auf Grabsteinen zu vermerken. Für die Bewohner der Gräber kann das kaum gedacht sein. Wenn es aber den Überlebenden als Information dient, welche Botschaft sollen diese Datierungen vermitteln? Sieh mal, wie schnell es gehen oder wie lange es dauern kann, dieses Leben … Die hat zwei Weltkriege erleben müssen und der war in meinem Alter schon zehn Jahre tot …

Überhaupt diese Grabsteine und die Friedhofsanlagen: Man geht über diesen Gottesacker mit der impliziten Vorstellung, dass diejenigen, die dort liegen, in alle Ewigkeit dort liegen werden. Das stimmt aber nur ein einem recht übertragenen Sinn. Denn nicht nur geht das Leben nach dem Tod weiter, so dass natürlich auch die Leichname nicht sich selbst überlassen, sondern dem großen biologischen Verdauungsprozess erhalten bleiben, zudem hat auch die deutsche Bürokratie in Form von Friedhofsverordnungen dem Umstand Rechnung zu tragen, dass der Bedarf an Grabstellen nicht nachlässt. Auf den Friedhöfen herrscht tatsächlich ordentlich Betrieb; ein riesiger Verschiebebahnhof zwischen Lebenden, Tote und schon lang Toten. Die angeblich letzte Ruhestätte ist tatsächlich immer nur die vorletzte, bis ein Grab nämlich nach etwa 25 Jahren aufgelassen wird und Platz für den Nachwuchs machen muss. Die allzeit an diesem Ort gepflegte Rede von der Ewigkeit ist also durchaus zu relativieren. Und das wird über kurz oder lang sogar für die Familiengräber gelten, mit denen man sich einen dauerhaften Platz von ein paar Quadratmetern Größe zu sichern meint; auch für deren Ewigkeitsstatus würde ich nicht meine Hand ins Feuer legen wollen – schließlich ist die Ewigkeit ja doch ein recht langer Zeitraum.

Zeitkreuzungen

Aber gerade diese beständigen, wenn auch eher allmählichen Bewegungen auf dem Friedhof führen zu dem irritierenden Phänomen, dass dort zuweilen weit entfernte Zeitpunkt räumlich nahe zusammenrücken. Dort liegen dann Erna und Wilhelm, die höchstens noch einen Vorgeschmack des 20. Jahrhunderts erahnen konnten, neben Anne-Sophie und Kevin, die außer ihrer physischen möglicherweise auch noch eine virtuelle Grabstelle haben. Sie scheinen nichts miteinander zu tun zu haben und sind doch ganz nah beieinander.

Man kann auf dem Friedhof viel lernen. Man kann sehen, wie sich die Einstellungen zum Tod ändern. Man kann sich selbst von den vielen Gräbern nach dem Sinn des eigenen Lebens und den eigenen Strategien des Überlebens über den Tod hinaus befragen lassen (das Schreiben ist hier beispielsweise eine beliebte Variante). Man kann auch mit Wolfgang Herrndorf die berechtigte Frage stellen, wann endlich einmal mit den Lebenden so pietätvoll umgegangen wird wie mit Sterbenden oder Toten. [1] Und man kann sich auch nach der Zeit und den Zeiten befragen lassen, mit denen und in denen man lebt. Selbst wenn dabei keine ausgefeilte Zeitphilosophie herauskommen sollte (was auch weder zu erwarten noch unbedingt anzustreben wäre), so kann man sich doch von der gleichzeitigen Präsenz von Hinterbliebenen und Vorverstorbenen, von der Vermischung von Ewigkeitswünschen (oder gar Ewigkeitsdünkeln?) und Kurzeitterminierungen, von genauen Lebensdatierungen und deren offensichtlicher Sinnlosigkeit im Angesicht des Todes, vom stummen Gespräch zwischen Diesseitigen und Jenseitigen oder vom räumlichen Nebeneinander chronologisch divergenter Jahrhunderte zumindest soweit irritieren lassen, dass man einer simplen linearen Zeitvorstellung zu misstrauen beginnt.

Der Friedhof ist dann nicht mehr nur ein Ort des Gedenkens, sondern auch des Bedenkens der Zeit(en), die wir haben oder die wir möglicherweise haben wollen. Hier ist nicht nur die Trauer über die Toten zu Hause, sondern auch die Hoffnung anderer Zeitmodalisierungen, weil sich genau hier die sehr unterschiedlichen Verzeitungen begegnen, überkreuzen und gegenseitig durcheinanderbringen. Insofern sei mal wieder ein Besuch auf dem Friedhof angeraten, auch und gerade wenn dazu kein Anlass besteht. Es muss ja nicht der triste November sein. Im Frühjahr ist es dort auch recht schön.

 

Anmerkungen

[1] Wolfgang Herrndorf, Arbeit und Struktur, Berlin 2013, 255.

Etablierte Muster

ZeitungMan nehme einen x-beliebigen Tag. Zum Beispiel den 28. August 2015. Man befrage diesen Tag und das Umgehen mit diesem Tag daraufhin, wie in ihm und mit ihm ‚Geschichte‘ gemacht wird.

Dann wird man feststellen können, wie besorgte Meldungen davon zu berichten wissen, dass die sogenannte ‚deutsche Mittelschicht‘ im Schwinden begriffen ist. Nahezu selbstredend kann eine solche Feststellung nicht ohne eine kurze Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Bundesrepublik auskommen. Mit wenigen Sätzen lässt sich dann der bundesdeutsche Mythos aufrufen, wonach im Nachkriegswirtschaftswunderland im Prinzip allen Menschen die Möglichkeit offen gestanden habe, mit Fleiß und Arbeit den Aufstieg in eben diejenige Mittelschicht zu schaffen, die sich nun gerade zu verflüchtigen scheint. Da wird dann in höchster sprachlicher Konzentriertheit und auch mit erheblicher historischer Simplifizierung eine vermeintlich eindeutige Auf- beziehungsweise Abwärtsentwicklung beschrieben, deren größtes Problem nicht zuletzt darin zu besteht, weiterhin einem Fortschrittsmodell verpflichtet zu sein.

Dann wird man ebenfalls feststellen können, dass auf der anderen Seite der Erdkugel sich das politische Pingpong-Spiel zwischen Nord- und Südkorea im Sinne einer Wiederkehr des Immergleichen beschreiben lässt. Die eine Seite wirft der anderen eine Provokation vor (in diesem Fall sind zwei südkoreanische Soldaten durch eine Mine verletzt worden), die andere reagiert mit einer entsprechenden Gegenprovokation (in diesem Fall wurden nach langer Zeit mal wieder südkoreanische Lautsprecherwände aufgestellt, die Propagandabeschallung über die Grenze schickten). Fast vorhersehbar und nahezu automatisch folgen darauf das einstudierte Säbelgerassel mit entsprechender Kriegsdrohung, hektisch-aufgeregte Krisenverhandlungen und die Belegung der Verstimmungen. So traurig solche Angelegenheiten auch sind, so bekannt kommen sie einem doch vor – nicht zuletzt deswegen, weil sie als zyklische Geschichte von Annäherung und Abstoßung erzählt werden kann. Déjà-vu-Effekte können sich nicht zuletzt deswegen einstellen, weil zumindest auf nordkoreanischer Seite das handelnde Personal eine hohe dynastische Kontinuität aufweist. Aber ansonsten man fast den Eindruck bekommen, dass sich dieser eingespielte, ritualisierte Konflikt auch deswegen nicht auflösen lässt, weil keine alternativen Formen gefunden werden können, um ihn historisch zu beschreiben.

Alles schon sortiert

Und man wird feststellen können: Auch das obligatorische Jubiläum darf nicht fehlen. Das Verlagshaus Gruner + Jahr wird 50 Jahre alt. Wenig überraschend wird dieser runde Geburtstag zu einer entsprechenden Jubiläumsveranstaltung im ehrenwerten Hamburger Rathaus genutzt, bei der offensichtlich genau das geschieht, was bei solchen Jubiläumsveranstaltungen zu geschehen hat. Man spricht ausreichend Festreden und Lobeshymnen und Dankesworte, in denen eifrig historisiert wird, in denen 50 Jahre Tradition beschworen und aus dieser Tradition Verpflichtungen für die Zukunft abgeleitet werden – auch wenn allen Beteiligten klar ist, dass die Notwendigkeiten der Gegenwart sich genau diejenige Vergangenheit produzieren, die man für eine jeweils erwünschte Zukunft braucht.

Sodann wird man feststellen können, dass auch die skurrile Geschichte des Tages nicht ohne historischen Einschlag auskommt. In der Nähe der Stadt San Cristovo de Cea in Galizien ist es offensichtlich gelungen, eine 6000 Jahre alte prähistorische Grabstätte durch eine brandneue Picknickbank-Installation zu ersetzen. Der Schaden ist groß, die Peinlichkeit noch größer. Die Schuld schieben sich die Verantwortlichen in gewohnter Manier gegenseitig zu. Die erstaunte mediale Zuschauerschaft dürfte anhand dieses markanten Beispiels den Verlust eines Stücks Vergangenheit betrauern, wie er auch ansonsten in vielfacher und weniger Aufsehen erregender Form tagtäglich irgendwo stattfindet. Sie dürfte sich aber auch fragen, wieviel von dieser Vergangenheit der dauerhaften Konservierung überantworten werden soll, bis vor lauter Vergangenheit kein Platz mehr für die Gegenwart ist.

Vor allem wird man aber feststellen müssen, dass alle Geschehnisse, die an diesem 28. August 2015 zum Gegenstand historischer Einordnung wurden, nur dazu gemacht werden konnten, weil sie gerade nicht mehr ‚jetzt‘ waren. Erst durch den zeitlichen Abstand von einigen Minuten oder Stunden, von einem Tag oder gar Wochen und Jahren sind sie erzählbar geworden. Und gerade weil sie erzählt und damit in bereits bestehende historische Muster eingeordnet werden können (Aufstieg, Niedergang, Fortschritt, Zyklus, Tradition …), fällt es so schwer, an ihnen noch das zu entdecken, was möglicherweise nicht nur helfen könnte, andere Verständnisse von Geschichte, sondern zugleich andere Verständnisse von uns und unserer Wirklichkeit zu entwickeln. Dazu wäre es tatsächlich nötig, näher und genauer hinzusehen. Mit diesem genaueren Blick verliert man möglicherweise etwas aus dem Blick, das man die Gesamtheit ‚der Geschichte‘ nennen könnte. Aber es stellt sich nicht nur die Frage, wann und von wem diese ‚Gesamtheit‘ jemals in einer Form überblickt wurde, die dem Gegenstand auch nur halbwegs gerecht geworden wäre, sondern es stellt sich ebenso die Frage, ob nicht genau betrachtete und genau beschriebene exemplarische Geschichten hilfreicher sein könnten.

Irritierendes und Unerzählbares

Schließlich wird man feststellen müssen, dass sich genau deshalb die wichtigste und grausamste Nachricht dieses Tages nicht in einer vorgestanzten Weise historisieren lässt. Denn dafür fehlen nicht nur die angemessenen Worte, sondern dafür fehlen uns auch die 71 Lebensgeschichten, die in einem Laster kurz hinter der ungarisch-österreichischen Grenze ein brutales Ende gefunden haben. Vier Kindern, acht Frauen und 59 Männern wurde in diesem Laster auf bestialische Weise das Leben genommen. Nicht nur das Leid ist unvorstellbar, sondern es steht auch zu befürchten, dass ‚die Geschichte‘, die hinter diesem Ereignis steht, niemals hinreichend wird erzählt werden können: Warum diese Menschen (möglicherweise aus Syrien?) geflohen sind, was sie auf ihrem Weg erlebt haben, welchen Schleppern sie in die Hände fielen, welche Angst sie getrieben hat, welche Hoffnungen sie hatten. Und noch schlimmer: Weil diese Flucht nur jenseits der Grenzen der Legalität möglich war, steht sogar zu befürchten, dass nicht nur ihre Geschichten, sondern auch ihre Namen größtenteils unbekannt bleiben werden. Dabei wäre das eine Geschichte, die des Erzählens wert gewesen wäre, die uns möglicherweise mehr Aufschluss über unsere Welt geben könnte, als all die aggregierten Synthesen und statistisch untermauerten Zusammenfassungen. Aber hätten wir auch den Mut, uns eine solche Geschichte erzählen zu lassen, so dass sie uns hinreichend irritieren und verunsichern könnte?

ZeitstillstandFeatured image

Zuweilen lohnt es sich, etwas genauer auf die Wahl der eigenen Worte zu achten. Auch wenn sich allenthalben kritische Stimmen vernehmen lassen, die vor den Auswirkungen einer allzu großen Fortschrittsgläubigkeit warnen, offenbart mitunter selbst die Wortwahl solcher kritisch gestimmter Menschen, wie sehr sie schon vom Virus der Ökonomisierung und Selbstoptimierung infiziert sind. Ein Indiz dafür ist die Verwendung von Worten, die sich im Umfeld des Ausdrucks ‚Perfektion‘ tummeln. Wie selbstverständlich ist dieses Gerede geworden. Da soll die Karriere, die Beziehung und sowieso die ganze Einstellung perfekt sein, da preist die Werbung das perfekte Makeup, das perfekte Auto oder die perfekte Matratze an, und auch in den eigenen vier Wänden muss das perfekte Essen auf den Tisch, die perfekte Inneinrichtung her oder das perfekte Dinner gelingen.

All das lässt sich leichthin als oberflächliches Wortgeklingel identifizieren. Im jeweiligen Fall auf den Zahn gefühlt, würde sich wohl recht schnell herausstellen, dass dieses Perfektionsgerede von keiner Seite, weder vom alltäglichen Sprachgebrauch noch von der Werbewirtschaft, wirklich wörtlich gemeint ist. Von der Vollkommenheit wissen wir uns doch einigermaßen weit entfernt.

Aber abgesehen von der Frage, warum wir immer wieder so selbstentlarvend von der Perfektion reden, wohl wissend, dass sie nicht erreicht werden kann, ist vornehmlich der zeitliche Aspekt dieser Angelegenheit von Interesse. Denn das Perfekte ist ja nicht nur das Vollkommene, sondern es ist auch das zeitlich Abgeschlossene. Ersteres lässt sich nur aus Letzterem ableiten. Davon auszugehen oder zu behaupten, etwas sei ‚perfekt‘, setzt ja notwendigerweise voraus, dass es nicht mehr zu verbessern und daher auch nicht mehr zu verändern sei. Perfektion stellt die Zeit still und setzt den Wandel aus. Nichts anderes will das grammatikalische Perfekt sagen, das die Aufgabe hat, genau diesen Zustand der Abgeschlossenheit einer Entwicklung zum Ausdruck zu bringen.

Perfekt war gestern

Damit schleppt die ganze Perfektionsrhetorik unversehens ein Zeit- und Vergangenheitsmodell mit sich herum, das so gar nicht zu den Zukunfts- und Fortschrittsmodellen passen will, die sich genau mit dieser Rede von der Perfektion immer wieder verbinden (so abgewrackt diese auch sein mögen). Denn die ‚Perfektion‘ der Alltagssprache geht im Sinne entsprechender Optimierungsmodelle ja immer noch davon aus, dass das Perfekte erst noch zu erreichen sei – und ist dieser Zustand erst einmal hergestellt, dann, ja dann wird endlich alles, alles gut. Dabei schlummern im Herzen der Perfektionsansprüche sehr rückwärtsgewandte temporale Orientierungen, die solche Vollkommenheitsvorstellungen überhaupt erst ermöglichen. Dass das Perfekte auch das zeitlich Abgeschlossene und damit historisch hinter einem Liegende (und nicht erst noch zu Erwartende) sei, das ist nun selbst wiederum eine sehr alte Vorstellung. Sie lässt sich im Prinzip in Verbindung bringen mit all den historischen Modellen, die im Vergangenen immer das Bessere gesehen haben. Das Perfekte ist eben deswegen perfekt, weil es schon einmal perfekt war, nicht erst perfekt werden muss. Es ist also nicht verwunderlich, dass wir das gleiche Wort für Vollkommenheit und für die grammatikalische Form einer abgeschlossenen Handlung in der Vergangenheit verwenden.

Die selbst ernannte Moderne hat dann das (grammatikalische) Perfekt von der Perfektion getrennt und die Vollkommenheit als erst noch zu erreichende in die Zukunft verlagert. Die damit verbundene Suche nach dem künftigen und einzigen Wahren, Guten und Schönen, nach der marktwirtschaftlich verbürgten Garantie, nur das Beste vom Besten ergattern wollen zu dürfen und sich keinesfalls mit weniger von diesem Immermehr zufrieden zu geben, hat dann durchaus befremdliche Auswirkungen. Dann genügt es nicht einmal mehr, das Perfekte erlangen zu wollen, dann muss es auch schon mal ‚mehr als perfekt‘ sein. Abgesehen davon, dass solche Steigerungsformen der Sinnhaftigkeit weitgehend entbehren und höchstens dem diffusen Selbstverständnis Ausdruck geben sollen, sich tatsächlich nur mit dem Allerbesten zufrieden zu geben und den eigenen angemaßten sozialen Status entsprechend zu markieren, muss man schon die Frage stellen, wohin dieses ‚mehr als Perfekte‘ führen soll. Denn damit befinden wir uns ja wörtlich im Plusquamperfekt, also in einer grammatikalischen Vorvergangenheit, in der … ja nun, welcher unterstellte Zustand vorherrschte? Vermuten diejenigen, die das Mehralsperfekte für sich in Anspruch nehmen, in der Zeit der – sagen wir einmal – Urgroßeltern und möglicherweise noch weiter zurückreichenden Vorfahren habe eine Art goldenes Zeitalter geherrscht, in dem die Dinge noch so waren, wie sie eigentlich sein sollten? Und an welchem normativen Maßstab lässt sich überhaupt bemessen, wie die Dinge sein sollten? Wer kann diese Sollensgrenze bestimmen? Wer weiß, was perfekt ist, um dann möglicherweise auch bestimmen zu können, was das Mehralsperfekt sein könnte?  Der nicht ganz unbegründete Verdacht liegt nahe, dass es einmal mehr der dickste Geldbeutel und der größte Einfluss ist, der die entsprechenden Markierungen setzt.

Das Manufactum-Geschichtsmodell

Solche Maßstäbe haben aber nicht selten den interessanten Effekt, ihre eigenen Urheber zu desavouieren. Sie zeigen weniger an, was ‚tatsächlich‘ als perfekt gelten könnte, sondern unterstreichen eher das eigene Anspruchsdenken, das sich wesentlich an monetären Maßstäben orientiert. Wer zahlt, schafft immer noch an. Allerdings gilt es gemeinhin als wenig überzeugend, Perfektion am schnöden Mammon festzumachen. Daher muss ein Kriterium gefunden werden, das gewissermaßen überzeitlich gültig ist – und das findet sich ausgerechnet in der Zeit selbst. Denn der höchst veränderliche Maßstab vergangener Qualitätskriterien soll dazu herhalten, bestimmen zu können, was wirklich gut, wenn nicht gar vollkommen ist.

Und da hätten wir ihn wieder, den so häufig vorfindbaren Missbrauch des Historischen für sehr gegenwärtige Anliegen. Schließlich verbindet sich in gegenwärtigen Perfektionsdiskursen das Vollkommene nicht selten mit dem Traditionellen. Man könnte diese konservative, von Verlustängsten und Orientierungsbedürfnissen beeinflusste Richtung als Manufactum-Geschichtsmodell bezeichnen. Schließlich verbindet dieses Unternehmen (allein schon der Name: Manufactum! Latein! Handgemachtes!) nach seinem eigenen Selbstverständnis die Qualität der angebotenen Produkte mit (angemaßter oder tatsächlicher) traditioneller Herstellungsweise. Daher heißt es auch passend: „Es gibt sie noch, die guten Dinge“. Das wichtigste Element in diesem Satz ist das Wörtchen „noch“. Weil eben im Gestern wenn schon nicht die Perfektion, dann doch wenigstens die Qualität zu suchen ist, die in einer Turbokonsumgesellschaft noch für Distinktionsmerkmale sorgen kann.

Also entlassen wir sie, die Plusquamperfektsucher, in die von ihnen offenbar so heiß ersehnte Vorvergangenheit, in der die Dinge angeblich noch so waren, wie sie eigentlich sein sollten. Möglicherweise könnten sie bei Gelegenheit einer solchen Zeitreise feststellen, dass sie in diesem angeblich besseren Gestern sozial und ökonomisch gar nicht zu denjenigen gehören würden, die darüber befinden durften, was perfekt sei.

Und um dieser ganzen Geschichte auch noch eine angemessene Moral zu verpassen: Es könnte sich durchaus lohnen, Angelegenheiten hinreichend zu berücksichtigen, die noch nicht abgeschlossen, daher auch nicht vollkommen sind, die sich uns vielmehr als Imperfektes aufdrängen. Das hat nicht nur geschichtstheoretische Gründe, weil nach William Faulkners wahren Worten die Vergangenheit weder tot noch vergangen und damit auch nicht abgeschlossen ist. Es hat auch ethische Gründe, denn das Perfektionsgeschwafel birgt die nicht unerhebliche Gefahr in sich, dem Unvollkommenen intolerant zu begegnen. Also mache ich gleich einmal den Anfang und bekenne mich hier freudig zu meiner eigenen Mediokrität und Imperfektion. Nehmen Sie nur diese Glosse hier. Ist ja auch alles andere als perfekt.

Alles schon mal dagewesenRomantik

Vor kurzem wieder so ein Déjà-vu-Erlebnis gehabt: Das kennst du doch irgendwoher, hätte ich mir denken können, wenn ich in dem Moment einen vollständigen Satz gedacht hätte. Aber wahrscheinlich kam nur so etwas heraus wie: Ach! Und wenn ich statt Ach! schon einen vollständigen Satz hätte denken können, dann hätte er weniger lauten sollen, dass ich das da irgendwoher kenne, sondern eher, dass ich es irgendwannher kenne. Aber für solche Verstiegenheiten war die Zeit zu knapp. Da war das Ach! einfach schneller.

Unangenehm ist vor allem, dass ich gar nicht mehr genau sagen kann, was mir da so bekannt vorkam. Liegt wohl daran, dass es seit geraumer Zeit so viele Gelegenheiten gibt, Altbekanntem oder vermeintlich längst Vergangenem wieder zu begegnen. Da war man sich zum Beispiel mal im späten 20. Jahrhundert sicher, dass man die ganze Sache mit dem Nationalismus überwunden hätte, bis genau dieser Nationalismus seit den 1990er Jahren wieder fröhliche Urständ feiert und in den letzten 25 Jahren auch keine Anstalten gemacht hat, wieder zu verschwinden. Dabei geht es nicht nur um nationalistisch motivierte, kriegerische Auseinandersetzungen, sondern viel eher noch um die offensichtliche Hoffähigkeit und Veralltäglichung nationalistischer Positionen auf verschiedenen Ebenen der politischen Meinungsbildung. Ob man sich den Aufstieg nationalpopulistischer Parteien in den Niederlanden, in Skandinavien, Ungarn, Frankreich, Deutschland und sonstwo ansieht oder die eingeforderte Selbstverständlichkeit betrachtet, mit der nicht wenige fordern, gegen so genannte Migranten und so genannte Ausländer hetzen zu dürfen („Wir sind keine Nazis, wir sind Bürger“!) – mulmig muss einem werden, wenn es nicht einmal mehr einer gehörigen Wirtschaftskrise bedarf, um solche Emotionen zu schüren.

Die Religion wird gleich mitgenommen. Auch wenn sich die Pegida-Bewegung in hoffentlich nicht allzu ferner Zukunft in einem doppelten Sinn müde gelaufen haben sollte, wird es ersatzweise sicherlich andere Komplexitätsreduzierer geben, denen die Dinge gar nicht einfach genug sein können. Und ‚das Abendland‘, das auch dann wieder verteidigt werden soll, muss natürlich ein irgendwie – also eher diffus – christliches sein, so dass man weiterhin den Krieg der Religionen und Konfessionen ausrufen kann, weil man ja auch in diesen Religionen eine irgendwie geartete Identitäts- und Stabilitätsgarantie zu entdecken vermag.

Aber es sind eben nicht nur die offensichtlichen Beispiele von Nation und Religion, die einem im vergangenen Vierteljahrhundert temporale Schwindelgefühle verursachen konnten, weil das alles schon mal dagewesen ist und eigentlich schon längst abgehakt war. Auch in anderen, politisch gänzlich unverfänglichen Zusammenhängen kann einem das eine oder andere bekannt vorkommen. So können aufmerksame Beobachter kulturwissenschaftlicher Diskussionen zum Beispiel feststellen, wie in den vergangenen Jahren zunehmend versucht wird, den überbordenden Verunsicherungen und Unwägbarkeiten neue/alte Grundlagen entgegenzusetzen. Da gerät die Frage nach dem Sein und der Ontologie unversehens zu einer neuen Blüte, da wird gegen alle möglichen Spielarten von Konstruktivismus die Unmittelbarkeit einer Präsenz hervorgehoben oder da wird gegen nervende Relativierungen ein „Neuer Realismus“ ausgerufen. [1] Generell war das Geschimpfe gegen alles, was man als „postmodern“ bezeichnen konnte, ja schon immer groß, nun kommt es aber zunehmend auch aus den Reihen derjenigen, von denen man bisher immer denken durfte, dass sie eigentlich zu diesen „Postmodernen“ dazu gehören. Das scheint nach dem Motto zu laufen, dass dieses ganze theoretische Herumexperimentieren ja ganz nett war, nun aber mal Schluss mit dem Quatsch sei, weil es jetzt wieder ernst werde: Kriege, Krisen, Katastrophen! [2]

Eine zweite Romantik

Natürlich ist klar, woher wir das alles schon kennen, dieses zunächst ironisch-experimentelle Herumspielen, das aber schon recht bald übergeht in die Suche nach dem Eigentlichen, dem Essentiellen, dem Wirklich-Wahren, dem eigentlich Unfassbaren, das so groß ist, dass man sich ihm einfach nur noch hingeben kann. Unabhängig davon, ob dieses Eigentliche, mit dem wir es da zu tun haben und das alles übersteigt, nun Nation, Religion, Geist, Gott, Wirklichkeit, Wahrheit oder sonstwie heißt – es widersetzt sich letztendlich allen Differenzierungen und Theoretisierungen und kann in seiner Großartigkeit nur noch hingenommen werden. Die Romantik hat all das schon einmal ähnlich durchgespielt. Und in der Tat sind die Parallelen fast schon unheimlich: Zunächst haben wir es mit einer theoretischen Bewegung zu tun, die es unternimmt, die Grundlagen der sicher geglaubten Welt zu erschüttern (dort Aufklärung, hier Postmoderne), sodann eine politische Revolution, die mit dieser Erschütterung tatsächlich ernst macht (dort Französische Revolution 1789, hier die europäischen Revolutionen 1989/90), gefolgt von der schwierigen und zähen Aufarbeitung all dessen, was da geschehen ist. In der anschließend entstandenen Verwirrung, ausgelöst durch den Verlust einst sicher geglaubter Wirklichkeitsparameter, wird nicht ausschließlich, aber doch ganz merklich der Versuch beobachtbar, verlorene Gewissheiten wiederzugewinnen. Dann macht es mit einem Mal Sinn, sich wieder auf die Religion zu kaprizieren, die Nation zu vergöttern, die Wahrheit wertzuschätzen oder die Einheit in der Wirklichkeit wieder zu entdecken, weil in all diesen Essentialismen das endlose Differenzieren und Relativieren endlich ein Ende findet.

Diese zeitlichen und inhaltlichen Parallelen sind so frappierend, dass man doch wohl mit Fug und Recht davon sprechen könnte, wir lebten in einer zweiten Romantik (nach der „Zweiten Moderne“ wäre das ja durchaus folgerichtig). Und wäre dem so, hätten wir zwei ganz wichtige Erkenntnisse gewonnen: Erstens hätten wir bestimmte historische Verlaufsformen, wenn nicht sogar eine grundlegende historische Gesetzmäßigkeit ausfindig gemacht. Und zweitens könnten wir dann auf dieser Basis sogar voraussagen, wie sich zumindest in groben Zügen der weitere Verlauf der Entwicklungen vollziehen wird. Heureka!

Alles noch gar nicht dagewesen

Aber nein, so ist es natürlich nicht. War nur ein Scherz. Die Rede von einer zweiten Romantik (oder einem zweiten Wasauchimmer) mag zwar auf den ersten Blick einleuchtend erscheinen, erweist sich aber schnell als Popanz. Also keine Sorge, die Geschichte wiederholt sich nicht. Sie tut es nicht nur nicht, weil es verboten oder argumentativ zu einfach wäre. Auch tut sie es nicht, weil um 1800 einige Aspekte eine eher geringe Rolle gespielt haben, die uns um 2000 wesentlich stärker betreffen, zum Beispiel die globalen Kommunikationszusammenhänge, in die wir eingebunden sind (während die erste Romantik schon ein sehr europäisches Phänomen war), oder die überbordend große Rolle ökonomischer Fragen, die im frühen 19. Jahrhundert bei weitem nicht so bedeutsam waren. Sie tut es vor allem nicht, weil ein solcher Blick, der sich auf die Wiederkehr bestimmter historischer Verlaufsmuster konzentriert, nur das sieht und betont, was er sehen will. Alles Unpassende wird beiseitegeschoben. Und die Verwandtschaft der Jahreszahlen zu betonen (1789-1989) übersieht entweder, dass dazwischen doch zwei Jahrhunderte Differenz liegen, oder hat sich noch nicht wirklich von der Macht kabbalistischer Zahlenmystik befreit. Dem kann man dann möglicherweise historische Prozesse auch dadurch erklären, dass man auf die Namensähnlichkeit von Staatschefs verweist: Lenin-Stalin-Putin!

Aber ein gewisses Muster gibt es natürlich trotzdem. Allerdings liegt das weniger in ‚der Geschichte‘ (was auch immer mit diesem vermeintlich alles erklärenden Gottersatz gemeint sein mag), sondern eher bei uns. In der Art und Weise, wie wir uns auf abwesende Zeiten beziehen, wie wir mit Vergangenheit und Zukunft als Orientierungshorizonten operieren, versuchen wir unsere eigene Gegenwart zu organisieren. Und auf Verunsicherungen, die aus einem empfundenen oder tatsächlichen Übermaß an Veränderungen resultieren, kann man unter anderem reagieren, indem man auf vermeintlich überzeitlich gültige Grundlagen rekurriert. Dann müssen mit einem Mal die seltsamsten Konstrukte herhalten, um den Irritationen des Konstruktivismus zu entgehen. Dann werden Nation und Religion (natürlich die jeweils ‚eigene‘) mit einem Mal ebenso bedeutsam wie die Unbestreitbarkeit der einen Wahrheit oder der einen und einzigen Wirklichkeit. Gab es jemals eine bessere Zeit für postmoderne Dekonstruktionsarbeiter als diese, in der man sich allenthalben nach neuen Konstrukten sehnt?

Damit hätten wir aber kein historisches Grundgesetz formuliert, sondern höchstens Einsichten in die allzu menschlichen Unzulänglichkeiten gewonnen. Dass Verunsicherungen und Turbulenzen nicht angenehm sind, lässt sich schon aus der Genesis lernen. Aus dem Paradies vertrieben zu werden, war offensichtlich nicht besonders angenehm. Und seither suchen zumindest manche Vertreter der Gattung Mensch den Weg dorthin zurück, in die geordneten, sorgenlosen und ewig gültigen Verhältnisse eines Paradieses, in dem irgendeine höhere Instanz dafür sorgt, dass alles bleibt, wie es ist. Aber dieses Paradies wäre die Hölle.

Die Romantik des Historischen

Dummerweise sind von solchen Phänomenen der Re-Romantisierung alle historischen Tätigkeitsfelder ganz besonders betroffen. Insofern ist es kein Zufall, dass man es seit den 1990er Jahren mit einem unübersehbaren Geschichts- und Erinnerungsboom zu tun hat, bei dem nicht nur alles und jedes historisiert wird, sondern bei dem vor allem ‚die Geschichte‘ mal wieder die versichernden Antworten auf all die verunsichernden Fragen zu geben hat. Insofern muss ich mir tatsächlich Sorgen machen über die anhaltende Attraktivität meines eigenen Arbeitsgebiets.

Daher heißt es gegensteuern. Für alle, die es noch nicht mitbekommen haben sollten: Die Beschäftigung mit der Vergangenheit hat gerade nicht die Funktion, zur Orientierung und Identitätsbildung oder sonstigen Versicherungsmaßnahmen beizutragen. Das kann nur gelingen, wenn man nicht so genau hinsieht und das Gewesene als billiges Argumentationsarsenal missbraucht. Ganz im Gegenteil hat die Beschäftigung mit der Vergangenheit die Aufgabe, uns in unserer selbstverständlichen Bräsigkeit zu verunsichern, Alternativen aufzuzeigen, von denen wir noch nicht einmal wussten, dass sie existieren könnten, und das vermeintlich überzeitlich Gültige als zeitlich recht beschränkt vorzuführen. Und das gilt sowohl für die Suche nach unbezweifelbaren Grundlagen (schließlich muss man laut Wittgenstein an allem zweifeln – nur am Zweifel selbst nicht) wie auch für die Illusion von historischen Gesetzmäßigkeiten.

 

[1] Hans Ulrich Gumbrecht: Präsenz, Berlin 2012; Markus Gabriel (Hg.): Der Neue Realismus, Berlin 2014

[2] Dazu scheint zu passen, dass diese theoretischen Expermientierfelder gerade ihre eigene Historisierung erfahren: Ulrich Raulff: Wiedersehen mit den Siebzigern. Die wilden Jahre des Lesens, Stuttgart 2014; Philipp Felsch: Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte 1960-1990, München 2015.

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