Friedhof

Blätterleichen

Der November ist eigentlich ein angemessener Monat, um sich einmal den letzten Dingen zuzuwenden. Als Todesmonat mit Allerheiligen und Totensonntag und Volkstrauertag und Halloween und herabfallenden Blätterleichen, die milliardenfach den Boden bedecken und nur noch deprimierende Baumskelette stehen lassen, zwingt er gerade in seiner neblig-grauen, die Sicht bis auf wenige Meter einschränkenden Erscheinungsform dazu, die Nähe des Todes ernst zu nehmen. Wann, wenn nicht jetzt, lohnt sich ein Besuch auf dem Friedhof – selbst wenn man meint, dort gar nichts verloren zu haben?

Sicherlich gibt es das eine oder andere Argument, das sich anführen ließe, um von einem solchen Gang eher abzusehen. Möglicherwiese liegen dort gar keine Verwandten oder Bekannten, die man besuchen könnte. Oder sie liegen zwar auf einem Friedhof, aber in größerer Entfernung, so dass die Ruhestätte, die in halbwegs erreichbarer Nähe ist, keinen Besuchsanlass bietet. Was aber will man auf einem Friedhof, auf dem sich weder Anverwandte noch Berühmtheiten befinden, wenn nicht einem allgemeinen Gefühl der Morbidität frönen? Und ist es nicht überhaupt seltsam, von einem ‚Besuch‘ zu sprechen, wenn es um den Gang auf den Friedhof geht? ‚Besuchen‘ wir nicht möglicherweise uns selbst und unsere eigene Sterblichkeit, die mit jeder Feststellung der Lebensdaten auf einem Grabstein von neuem an unser Hinterstübchen klopft? Und ist der Friedhof nicht der älteren Seniorenbevölkerung vorbehalten, die dort Menschen ihre Reverenz erweisen, die möglicherweise jünger, aber auf jeden Fall toter sind als sie selbst?

Historisierungen des Lebens und des Sterbens

Historisierungen aller Art, also die Einordnungen von Kollektiven in einen größeren zeitlichen Sinnzusammenhang, haben ihren Grund sicherlich nicht ausschließlich, aber ganz wesentlich in der Abstrahierung individueller Lebenserfahrungen in Richtung größerer Zusammenhänge. Deswegen lässt sich füglich über die Geburt, das Wachstum, das Alter oder den Tod von Staaten, Zivilisationen, Imperien und anderen kulturellen Phänomenen sprechen. Solche anthropologisierenden Deutungen sind hinreichend etabliert, seit es ein Nachdenken über geschichliche Zusammenhänge gibt. Es scheint daher nicht allzu weit hergeholt, auch den umgekehrten Weg einzuschlagen und nach den alltäglichen und vermeintlich so selbstverständlichen Historisierungsformen zu fragen, mit denen wir nicht nur unseren Lebensalltag gestalten, sondern auch unser Leben alltäglich gestalten. Und da hat nun einmal der Tod den unschlagbaren Vorteil, ein Ereignis zu sein, bei dem wir nicht, wie sonst üblich, zu spät kommen. Während wir ansonsten immer erst im Nachhinein feststellen können, was geschehen ist, wenn etwas geschehen ist, können wir uns im individuellen Todesfall schon im Vorfeld dieser Angelegenheit gewiss sein, wenn auch ohne den genauen Zeitpunkt zu kennen.

(Obwohl ich an dieser Stelle vorsichtig sein sollte: Selbstverständlich kann man zum Lebensende zu spät kommen, zumindest in seiner zeremoniellen Form. Josef Kelnberger hat in der Süddeutschen Zeitung pünktlich zum 1. November 2015 einen sehr schönen Artikel darüber veröffentlicht, wie sich die Formen des Beerdigens gegenwärtig verändern. Darin berichtet ein Bestattungsunternehmer: „Diese Woche erst hat er zwei Frauen geholfen, ihre Männer zu beerdigen. Zur Zeremonie auf dem Friedhof erschien die eine Frau eine Stunde zu spät. Sie habe den Bus verpasst, sagte sie. Die andere Frau erschien gar nicht. Sie sei 40 Jahre mit diesem Mann verheiratet gewesen, sagte sie, und jetzt habe sie dann mal abgeschlossen mit dem.“)

Relative Ewigkeit

Keine Sorge, ich stelle hier nun keine, allzu häufig ins Triviale abdriftende Überlegungen darüber an, wie sich das menschliche Sein zum Sterben ausgestaltet. Stattdessen könnte ein genauerer Blick auf die Historisierungen des eigenen Lebens gerade im Angesicht des Todes von Interesse sein – und könnte die Einrichtung des Friedhofs dafür ein interessanter Ort sein, nämlich ein Ort der Zeiten, der auch dann einen Besuch wert ist, wenn man dort eigentlich nichts verloren hat. Man kann dort zumindest lehrreiche Modelle für Verzeitungen und Historisierungen finden.

Lassen wir einmal all die einstudierten und sozial abverlangten Verhaltensweisen wie richtige Körperhaltung, angemessener Gesichtsausdruck und bestimmte formelhafte Wendungen beiseite, die von dieser Örtlichkeit eingefordert werden und die selbst von Ungeübten recht schnell zu erlernen sind, so muss einem bei etwas näherem Hinsehen bereits die eine oder andere Begrifflichkeit auffallen. Ein Ausdruck wie ‚Hinterbliebene‘ mag ja in einer Gesellschaft mit einem dominierenden Jenseitsglauben noch Sinn gemacht haben, wirkt aber in unserer diesseitsorientierten Welt reichlich seltsam. Sind denn diejenigen, die sich dort um das Grab herum versammeln, die Bedauernswerten, die sich noch nicht ihres Ablebens erfreuen können? Und müssten dann die Toten nicht konsequenterweise als ‚Vorverstrobene‘ bezeichnet werden?

Und was hat es mit der Praxis auf sich, neben den Namen auch noch die Lebensdaten von Dahingeschiedenen auf Grabsteinen zu vermerken. Für die Bewohner der Gräber kann das kaum gedacht sein. Wenn es aber den Überlebenden als Information dient, welche Botschaft sollen diese Datierungen vermitteln? Sieh mal, wie schnell es gehen oder wie lange es dauern kann, dieses Leben … Die hat zwei Weltkriege erleben müssen und der war in meinem Alter schon zehn Jahre tot …

Überhaupt diese Grabsteine und die Friedhofsanlagen: Man geht über diesen Gottesacker mit der impliziten Vorstellung, dass diejenigen, die dort liegen, in alle Ewigkeit dort liegen werden. Das stimmt aber nur ein einem recht übertragenen Sinn. Denn nicht nur geht das Leben nach dem Tod weiter, so dass natürlich auch die Leichname nicht sich selbst überlassen, sondern dem großen biologischen Verdauungsprozess erhalten bleiben, zudem hat auch die deutsche Bürokratie in Form von Friedhofsverordnungen dem Umstand Rechnung zu tragen, dass der Bedarf an Grabstellen nicht nachlässt. Auf den Friedhöfen herrscht tatsächlich ordentlich Betrieb; ein riesiger Verschiebebahnhof zwischen Lebenden, Tote und schon lang Toten. Die angeblich letzte Ruhestätte ist tatsächlich immer nur die vorletzte, bis ein Grab nämlich nach etwa 25 Jahren aufgelassen wird und Platz für den Nachwuchs machen muss. Die allzeit an diesem Ort gepflegte Rede von der Ewigkeit ist also durchaus zu relativieren. Und das wird über kurz oder lang sogar für die Familiengräber gelten, mit denen man sich einen dauerhaften Platz von ein paar Quadratmetern Größe zu sichern meint; auch für deren Ewigkeitsstatus würde ich nicht meine Hand ins Feuer legen wollen – schließlich ist die Ewigkeit ja doch ein recht langer Zeitraum.

Zeitkreuzungen

Aber gerade diese beständigen, wenn auch eher allmählichen Bewegungen auf dem Friedhof führen zu dem irritierenden Phänomen, dass dort zuweilen weit entfernte Zeitpunkt räumlich nahe zusammenrücken. Dort liegen dann Erna und Wilhelm, die höchstens noch einen Vorgeschmack des 20. Jahrhunderts erahnen konnten, neben Anne-Sophie und Kevin, die außer ihrer physischen möglicherweise auch noch eine virtuelle Grabstelle haben. Sie scheinen nichts miteinander zu tun zu haben und sind doch ganz nah beieinander.

Man kann auf dem Friedhof viel lernen. Man kann sehen, wie sich die Einstellungen zum Tod ändern. Man kann sich selbst von den vielen Gräbern nach dem Sinn des eigenen Lebens und den eigenen Strategien des Überlebens über den Tod hinaus befragen lassen (das Schreiben ist hier beispielsweise eine beliebte Variante). Man kann auch mit Wolfgang Herrndorf die berechtigte Frage stellen, wann endlich einmal mit den Lebenden so pietätvoll umgegangen wird wie mit Sterbenden oder Toten. [1] Und man kann sich auch nach der Zeit und den Zeiten befragen lassen, mit denen und in denen man lebt. Selbst wenn dabei keine ausgefeilte Zeitphilosophie herauskommen sollte (was auch weder zu erwarten noch unbedingt anzustreben wäre), so kann man sich doch von der gleichzeitigen Präsenz von Hinterbliebenen und Vorverstorbenen, von der Vermischung von Ewigkeitswünschen (oder gar Ewigkeitsdünkeln?) und Kurzeitterminierungen, von genauen Lebensdatierungen und deren offensichtlicher Sinnlosigkeit im Angesicht des Todes, vom stummen Gespräch zwischen Diesseitigen und Jenseitigen oder vom räumlichen Nebeneinander chronologisch divergenter Jahrhunderte zumindest soweit irritieren lassen, dass man einer simplen linearen Zeitvorstellung zu misstrauen beginnt.

Der Friedhof ist dann nicht mehr nur ein Ort des Gedenkens, sondern auch des Bedenkens der Zeit(en), die wir haben oder die wir möglicherweise haben wollen. Hier ist nicht nur die Trauer über die Toten zu Hause, sondern auch die Hoffnung anderer Zeitmodalisierungen, weil sich genau hier die sehr unterschiedlichen Verzeitungen begegnen, überkreuzen und gegenseitig durcheinanderbringen. Insofern sei mal wieder ein Besuch auf dem Friedhof angeraten, auch und gerade wenn dazu kein Anlass besteht. Es muss ja nicht der triste November sein. Im Frühjahr ist es dort auch recht schön.

 

Anmerkungen

[1] Wolfgang Herrndorf, Arbeit und Struktur, Berlin 2013, 255.

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