emaille-kalenderHistorisches Schlachtfest

Ein Jahr des Gedenkens geht allmählich zu Ende. 2013 war das Jahr, in dem wir den 300. Geburtstag von Denis Diderot feierten, den 250. Geburtstag von Jean Paul, den 200. Geburtstag von Georg Büchner, den 100. Geburtstag von Albert Camus und Claude Simon, an die Völkerschlacht bei Leipzig erinnerten und dem Jahr 1913 gedacht haben. In diesem Jahr 1913 ist genauso viel und genauso wenig geschehen wie in jedem anderen durchschnittlichen Jahr auch. Ein ‚herausragendes‘ Ereignis, das es in den Kanon des Geschichtsunterrichts geschafft hätte, ist nicht zu verzeichnen. Warum man ihm dann mit Büchern und Ausstellungen so ausgiebig gedenkt? Entweder weil es das letzte Jahr einer Zivilisation war, die im Ersten Weltkrieg untergehen sollte. Oder einfach weil es 100 Jahre her ist. Ich tippe auf letzteres.

Neben diesen Gedenktagen, die mit einer gehörigen medialen Breitenwirkung daherkamen, gab es natürlich noch eine ganze Reihe minderer Anlässe, den einen oder anderen Beitrag in die Welt zu schicken. So durfte beispielsweise nicht vergessen werden, dass vor 75 Jahren Superman erfunden wurde, vor 125 Jahren die erste Automobil-Fernfahrt startete oder vor 250 Jahren der Friede von Hubertusburg zum Abschluss kam (oder sollte das etwa niemand mitbekommen haben?). Wir gedenken, was die Annalen hergeben. Und kaum ist es mit dem Gedenken vorbei, verschwinden die entsprechenden Ereignisse und Personen auch wieder im Orkus der Nichtbeachtung, zumindest bis zum nächsten Gedenkjahr in 50 oder 100 Jahren. Vielleicht sollte man all diesen Personen und Ereignissen überhaupt kein Gedenkjahr wünschen, damit nach dem kurzen, kalendarisch bedingten Aufflackern der Aufmerksamkeit der Absturz ins Vergessen nicht gar so heftig ausfällt.

Der schrille Höhepunkt war natürlich die nachgestellte Völkerschlacht im Kleinformat (bei einiges tausend Hobbysoldaten von Kleinformat zu sprechen, mag zwar unangemessen erscheinen, bleibt aber angesichts der tatsächlich beteiligten 600.000 Soldaten trotz allem zutreffend). Da ging es dann nicht mehr nur um die Frage des historischen Gedächtnisses, sondern um den Zweck der Veranstaltung: Kriegsverherrlichung oder Friedensdienst? Dieses Dilemma wurde immer wieder verhandelt. Die Veranstalter der Schlachtimitation haben wiederholt darauf hingewiesen, dass sie mit ihrer Aufführung zeigen wollten, wie unsinnig Kriege seien – als müsste man jemandem noch ernsthaft beibringen, dass Krieg irgendwie nicht so gut ist. Diese Lektion haben schon Kinder im Vorschulalter verstanden. Sollten wir demnächst auch ein KZ nachbauen, um deutlich zu machen, dass man Genozide besser unterlassen sollte?

Lange her und bedeutungslos

Wenn man Geschichte für möglichst viele Menschen möglichst unattraktiv machen will, wenn man der historischen Beschäftigung jede Sinnhaftigkeit entziehen möchte – dann nur weiter so. Denn welchen Eindruck von Geschichte muss man bekommen, wenn man das Radio einschaltet, die Zeitung aufschlägt oder den Fernseher anmacht und einem dort neben dem allseits präsenten Nationalsozialismus vor allem Gedenktage entgegenschlagen? Dass es sich bei Geschichte um etwas handelt, das einfach mehr oder weniger lange her ist und an das aufgrund runder Jahrestage pflichtschuldig zu erinnern ist. Aber ansonsten: long ago and far away – mit mir hat das nichts zu tun. Man gedenkt dieser Dinge nicht, weil sie uns heute vielleicht noch etwas zu sagen hätten, sondern weil sie in der Zeitleiste dran sind.

Unsere allseits präsente Gedenkkultur nervt. Die Beschäftigung mit Geschichte wird darauf reduziert, sich zum kalendarisch passenden Datum einem kleinen Schnipsel Vergangenheit zu widmen. Es ist wie mit Geburtstagen: Wir schenken unseren Mitmenschen dann gesteigerte Aufmerksamkeit, wenn es das entsprechende Datum von uns verlangt – und auch nur weil es das entsprechende Datum verlangt.

Ein wagemutiger Gedanke könnte lauten, dass Geschichte vielleicht nicht der soundsovielte Jahrestag von irgendetwas sein sollte, sondern eine Form, sich mit unserer Gegenwart auseinanderzusetzen. Nicht das quizshowmäßige Fragen danach, was vor 100 oder 200 Jahren geschah, sondern die elementare Frage danach, was uns Hier und Heute unter den Nägeln brennt. Denn diese gegenwärtigen Probleme bedürfen eines Kontrastmittels, um auf Inhalt, Zusammensetzung und Lösungsmöglichkeiten überprüft zu werden. Nicht dass die Geschichte die einzige Möglichkeit ist, um eine solche Reibungsfläche zur Verfügung zu stellen – aber sie ist eine wichtige. Und nicht dass die Vergangenheit uns problemlos lehren könnte, wie wir es richtig zu machen hätten. Aber wir haben neben dem Lernen von den Anderen, also außer dem Blick über den Tellerrand zu anderen Kulturen, kaum eine bessere Möglichkeit als den Blick in die eigene Vergangenheit.

Überdrussproduktion

Selbstredend ist es ein Kampf gegen Windmühlen. Zwar gibt es immer wieder kritische Stimmen zu unserem Gedenken auf Teufel komm raus, aber was sind sie gegen eine Praxis, die davon völlig unbeleckt weitermacht wie bisher. Nein, wenn man ernsthaft gegen das Dauergedenken vorgehen will, dann muss man Überdruss produzieren. Wenn wir unsere Geschichtskultur ernsthaft ändern und zu einer kritischen Auseinandersetzung mit unserer Gegenwart anregen wollen, sollten wir nicht nur einfach weitermachen wie bisher – wir sollten noch viel mehr machen als bisher. Noch mehr Gedenktage, noch mehr Feierlichkeiten, noch mehr Festreden, noch mehr Artikel und Sendungen, die vergangene Ereignisse nacherzählen.

Gerade das kommende Jahr wird dafür beste Gelegenheiten bieten. Denn auch 2014 wird es fröhlich weitergehen. Es wird sogar alles noch viel schlimmer als es in diesem Jahr schon war. Schließlich ist wieder Erster Weltkrieg! Mal sehen ob dann in Flandern auch Schlachten nachgestellt werden – natürlich aus Gründen der Friedenserziehung. Und es ist 25 Jahre Mauerfall! Wie wäre es mit einer historisch getreuen Restauration des antifaschistischen Schutzwalls? Beim Wiederaufbau des Berliner Schlosses fallen doch sicherlich ein paar Steinchen dafür ab. Aber dabei sollten wir es nicht belassen. Man könnte zumindest die runden Jahre in ihrer Gänze zu Gedenkjahren erklären und permanent an 1914, 1814, 1714, 1614, 1514, 1414 … erinnern.

Denn, meine Damen und Herren, wir haben noch jede Menge davon! In den Katakomben lagert noch eine Unmenge an Vergangenheit. Immer raus damit, schließlich hat jedes gewesene Jahr ein Recht darauf, dass seiner gedacht wird, auch völlig ohne Grund und Anlass. Gedenken wir was das Zeug hält, bis uns das Gedenken zu den Ohren herauskommt, bis wir vor lauter Gedenken keinen anderen Gedanken mehr fassen können. Vielleicht stellen wir uns dann endlich die Frage, wozu das alles gut sein soll.

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