Archive für Kategorie: Geschichtspolitik

Stolpersteine

Gegen Jahresende ballen sich die Erinnerungszumutungen. Allenthalben muss memoriert werden, was in den vergangenen elf Monaten geschehen ist. Deswegen ist der Dezember üblicherweise auch so ein ereignisloser Monat, in dem nichts – oder fast nichts – geschieht. Schließlich sind alle so intensiv mit Erinnern beschäftigt. So wie auf kollektiver Ebene die Jahresrückblicke einander die Klinke in die Hand geben, wird auch im Privaten dem Gewesenen gedacht, werden die familiären Chroniken in kondensierter Form unters befreundete Volk gebracht, werden Bilder und Filme und Sonstiges, das sich an diversen Orten angesammelt haben, fein säuberlich sortiert. Ein Jahr vorbei, das nächste kann kommen.

Gegen diese Form der Erinnerungsarbeit wäre wohl gar nichts zu sagen, wenn sie auf den Dezember beschränkt bliebe. Aber man muss zuweilen den Eindruck haben, dass ein nicht ganz unerheblicher Teil des gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Lebens auch während der übrigen elf Monate für das Erinnern draufgeht. Gedenktage, Erinnerungsorte, Kranzabwurfstellen wo man hinschaut. Geschichte (was auch immer das sein soll) wird nahezu im Minutentakt zelebriert. Kaum ein Tag des Jahres, der nicht mit Erinnerungs- und Gedenkmarkierungen belegt ist, gerne auch mehrfach.

Da stellt sich die Frage, ob das nicht des Guten zu viel ist. Tut man der ‚Erinnerungsarbeit‘ einen Gefallen, wenn man sie zum dauerhaften Automatismus erstarren lässt? Sollte der Wert des Erinnerns – das ja gerade im deutschen Kontext immer ein mahnendes Erinnern an die Grausamkeiten des 20. Jahrhunderts ist – nicht gerade in einer pointierten Prägnanz anstatt in einer industrialisierten Dauerveranstaltung liegen? Lebt nicht auch die ‚Erinnerungsarbeit‘ wie jede gute Arbeit davon, auch mal eine Pause einzulegen?

Eine memoriale Zwickmühle

Knifflige Fragen, nicht zuletzt weil damit ja nicht nur, und noch nicht einmal vornehmlich, historische Probleme angesprochen sind. Zwar wird in der öffentlichen Wahrnehmung das historische Geschäft vielfach mit der Notwendigkeit zum Erinnern identifiziert (Medien, Politik, Interessenverbände und einschlägige Persönlichkeiten der Geschichtswissenschaft tragen das Ihre dazu bei, um diesen Eindruck zu bestärken). Tatsächlich handelt es sich aber nicht um ein geschichtswissenschaftliches, sondern um ein gesellschafts- und identitätspolitisches Phänomen. Die erinnerungsmäßige Zwickmühle ist daher schnell ausgemacht: Einerseits führt das Zuviel an Erinnerung zu Überdruss, andererseits steht die politische und moralische Notwendigkeit des Erinnerns außer Frage, so dass es niemand wagt, die Erinnerungsintensität ein wenig zu drosseln, will man nicht als Relativierer und Revisionist dastehen.

Sicherlich ist Erinnerung wichtig. Auch abgesehen von der historisch-moralischen Plumpheit, dass sich die deutsche Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht wiederholen darf, kann man erkennen, was passiert, wenn das gesellschaftliche Erinnern vergessen wird. Zum Beispiel im Bereich der Wirtschaft. Ein Problem, das sich in derzeitigen ökonomischen Praktiken identifizieren lässt, ist die nahezu programmatische Erinnerungslosigkeit. Krise war gestern – was zählt, ist der mögliche Gewinn von morgen. Das ökonomische Zeitmodell basiert auf einer Scheuklappentechnik, die weder nach rechts noch nach links und schon gar nicht nach hinten schaut.

Probleme der Erinnerungskultur

Woher dann aber trotzdem dieser diffuse Eindruck, dass mit der Erinnerungskultur irgendetwas nicht stimmt? Weshalb nervt Erinnerung, obwohl sie ‚richtig‘ ist? Ein Blick in ein neues Buch von Aleida Assmann kann bei der Beantwortung helfen [1]. „Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur“ versucht Assmann mit gewichtigen Argumenten auszuräumen. Implizit wird aber deutlich, wieso dieses Unbehagen nicht von ungefähr kommt.

Problem 1: Bloß weil die ‚Erinnerungspraxis‘ an sich gut und begrüßenswert ist, bedeutet das nicht, dass es auch die Ergebnisse der konkreten ‚Erinnerungsarbeit‘ immer sein müssen. Aufgrund der moralischen Aufladung fällt es schwer, dem Gedenken vorzuwerfen, es sei qualitativ schlecht. Assmann hebt in ihrem Buch ausführlich die Fernsehserie „Unsere Mütter, unsere Väter“ als ein wertvolles Beispiel jüngster Erinnerungskultur hervor. Wenn ich hingegen der Meinung bin, dass es sich um eine bedauerliche Form der Verharmlosung handelt, weil aufrechte, moralisch integre, junge deutsche Menschen vorgeführt werden, die zufällig auch überhaupt nicht antisemitisch sind, die noch nicht einmal für Krieg und Verbrechen verantwortlich gemacht werden können, weil sie Opfer übermächtiger, anonymer historischer Kräfte sind – zweifle ich dann schon die Bedeutung von Erinnerungskultur an sich an?

Problem 2 hängt unmittelbar damit zusammen: Erinnerungskultur entzieht sich tendenziell der Beurteilung, weil sie sich immer schon auf der moralisch richtigen Seite weiß. Das macht kritisches Nachfragen schwierig, zuweilen sogar verdächtig.

Problem 3: Erinnerungskultur geht nicht selten mit einer vulgärpsychologischen Dauerpathologisierung einher. Stichwort ‚Trauma‘! Da insbesondere die Deutschen, aber auch der Rest Europas und der Welt immer noch ‚traumatisiert‘ sind von Judenmord und Zweitem Weltkrieg und allen anderen Grausamkeiten, die die Geschichte der letzten hundert Jahre zu bieten hat, und zwar traumatisiert bis in die Enkel- und Urenkelgeneration hinein, muss – so der memoriallogische Schluss – notwendigerweise erinnert werden. Die Traumadiagnose wird zum Passepartout, das durch seine Dauerverwendung jegliche Aussagekraft verliert. Das ist bedauerlich, insbesondere für die tatsächlich Traumatisierten, hier und anderswo.

Problem 4: Erinnerungskultur ist nicht nur ein Geschäft, sie ist eine Industrie, die allein schon aus Gründen des eigenen wirtschaftlichen Überlebens nicht daran interessiert sein kann, die Memorialfrequenz zu verringern. Zu viele Jobs, Institutionen sowie öffentliche und private Gelder stecken in diesem Bereich, der sich nach wie vor über mangelnde Nachfrage nicht beschweren kann.

Diese erinnerungskulturelle Infrastruktur ist aber zugleich verstrickt in eine Überschuss-, und damit auch Überdrussproduktion, mit der sie sich – so meine Vermutung – keinen Gefallen tut. Sie könnte zum Eigentor werden. Was, wenn sich niemand mehr aus eigenem Antrieb aktiv erinnern will, weil ja schon immer passiv für einen erinnert wird? Dann geschieht eben doch das, was Aleida Assmann bestreitet, dann wird das Datum im Kalender eben doch zu einer „allgemeinen und gleichförmigen Erinnerungsverordnung“ (19).

Die größte Katastrophe?

Für das Vergessen Werbung zu machen, ist gar nicht nötig. Vergessen geschieht ohnehin beständig und ganz von selbst. An das Vergessen zu erinnern, soll auch gar nicht dazu auffordern, das Erinnern nun zu vergessen. Das ließe sich kaum dekretieren, und wäre zudem ein Missverständnis des Vergessens. Vergessen ist nämlich – entgegen landläufiger Meinung – nicht das Gegenteil von Erinnern, ist keine Vernichtung oder Auslöschung memorialer Inhalte. Daran wird man durch ein Buch aufmerksam gemacht, das fast gleichzeitig mit demjenigen von Assmann erschienen ist: „Die Formen des Vergessens“ von Marc Augé [2]. Vergessen erweist sich demnach nicht nur als überlebensnotwendig, sondern als Formvorgabe der Erinnerung und als produktive Praxis, mit der Kulturen ihre Wirklichkeit gestalten. Das Vergessen bleibt unterbelichtet, wenn es nur als Schattenseite der Erinnerungskultur verstanden wird. Denn das Verhältnis von Erinnern und Vergessen gestaltet sich nicht nach der Logik von Gewinn und Verlust, sondern nach der Differenz von Aktualität und Potentialität. Vergessen löst das Erinnerte nicht auf (denn ansonsten könnte man ja nicht wissen, dass man es vergessen hat), sondern es deaktualisiert bestimmte Wissensbestände.

Eines Morgens wurde ich an der von mir regelmäßig frequentierten Bushaltestelle von hungernden Menschen aus der Sahel-Zone angeblickt. Sie befanden sich auf einem Plakat der Diakonie Katastrophenhilfe, begleitet von dem Satz „Die größte Katastrophe ist das Vergessen“. Auch wenn die Intention dieser Kampagne richtig ist, so stimmt doch der Satz nicht. Man kann den Hunger auf der Welt nicht ‚vergessen‘. Man kann ihn nicht beachten, kann ihn beiseiteschieben oder verdrängen, aber ‚vergessen‘ kann man ihn nicht. Die größten Katastrophen sind daher Irrelevanz, Bedeutungslosigkeit, Unachtsamkeit.

Auf diesem Weg in den Aufmerksamkeitsverlust könnte sich die Erinnerungskultur befinden, wenn sie beliebig und unterschiedslos alles als der Erinnerung wert einstuft und das Vergessen verbietet. Einerseits produziert sie dadurch selbst Vergessen, nämlich in all denjenigen historischen Themenfeldern, die nicht Teil der Erinnerungskultur sind. Andererseits könnte sie selbst über kurz oder lang mit Deaktualisierung bestraft werden, wenn sie immer mehr vom Immergleichen einfordert.

[1] Aleida Assmann: Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur. Eine Intervention, München 2013

[2] Marc Augé: Die Formen des Vergessens, Berlin 2013

D-MarkFrüher war nicht alles besser, früher war einfach vieles früher, wie der Alltagsethnograph Jochen Malmsheimer unnachahmlich und unmissverständlich festgestellt hat. Dabei ist es natürlich wohlfeil, rückwärtsgewandte Idealisierungen als naiv zu brandmarken. Es fällt leicht, mit süffisantem Lächeln auf diejenigen herabzublicken, die mit rosaroter Brille die Zustände vergangener Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte verherrlichen und dabei den moralischen, kulturellen und sowieso allumfassenden Verfall ihrer eigenen Gegenwart betrauern. Nostalgie ist ein ernst zu nehmendes Phänomen, und zwar nicht nur weil seine „Entdeckung“ im 17. Jahrhundert im medizinischen Kontext erfolgte und eine schwerwiegende Gemütserkrankung kennzeichnete. Vielmehr können ihre Symptome uns auch heute einigen Aufschluss geben über den Geschichtsgebrauch und die Vergangenheitsverarbeitung von Kulturen. Nostalgien werden inzwischen zwar nicht mehr in Arztpraxen behandelt, sind aber Indikatoren für herrschende (oder auch nur mögliche) temporale Verfassungen, gerade wenn sie sich in eine Vergangenheit zurücksehnen, die es nie gab.

Eine Altherren-Alternative

In Deutschland macht derzeit eine neu gegründete Partei von sich reden, die in politischen Kommentaren schnell als Nostalgieverein, als rückwärtsgewandter Club älterer (und zumeist gut situierter) Herren beschrieben wird. Dabei trägt die „Alternative für Deutschland“ vor allem eine zentrale Forderung vor sich her, nämlich den Euro abschaffen und die D-Mark wieder einführen zu wollen.

Es lohnt sich wohl, eine kurze Chronologie der „Alternative für Deutschland“ wiederzugeben. Denn wer weiß, in einigen Jahren wird hoffentlich dieses Blog noch existieren, aber die Partei möglicherwiese nicht mehr derart im Fokus stehen wie dieser Tage, unter Umständen sogar im Orkus der Bedeutungslosigkeit verschwunden sein. Daher für alle Nachgeborenen: Die Gründung dieser Partei, die am 6. Februar 2013 erfolgte, war eine direkte Reaktion auf die Schuldenkrise, die den Raum der Euro-Währung seit 2009 in heftige Turbulenzen gebracht hatte. Hervorgegangen war die AfD aus den Reihen der CDU, getragen vor allem von euroskeptischen Menschen, die die gern als „alternativlos“ bezeichnete Europa- und Finanzpolitik der schwarz-gelben Regierung unter Kanzlerin Merkel nicht mehr akzeptieren wollten. Die „Alternative für Deutschland“ erfuhr unmittelbar große mediale Aufmerksamkeit und auch einen erheblichen Zulauf – darunter auffallend viele Männer mittleren Alters, die wohl eher wenig Anlass hatten, sich akute wirtschaftliche Sorgen zu machen; ach ja, und ein überproportional großer Anteil an Volkswirtschaftsprofessoren war ebenfalls dabei. Die Partei sprach eher dasjenige konservative Publikum an, das in einer weichgespülten CDU keine Heimat mehr fand. Indem sie dieses politische Spektrum rechts der Mitte bediente, rief die AfD aber zugleich die üblichen Verdächtigen von tiefschwarzer bis brauner Färbung auf den Plan.

Rückkehr zu Bewährtem

Am 14. April 2013 fand der Gründungsparteitag in Berlin statt, bei dem auch ein erstes Parteiprogramm beschlossen wurde. Nun gebe ich gerne zu, dass es mir an ökonomischer Expertise mangelt, um entweder die weitere Entwicklung der Euro-Währung oder die möglichen Konsequenzen einer Wiedereinführung der D-Mark einschätzen zu können. Vor allem werde ich den Verdacht nicht los, dass sich solche Fragen aufgrund der ungemein hohen Komplexität der Materie eher mit einer Glaskugel als mit wissenschaftlichem Sachverstand beantworten lassen. Im Besitz einer Glaskugel bin ich übrigens auch nicht. Daher lassen wir beim Blick in das Parteiprogramm die ansonsten immer wieder gern angeführten Kernforderungen der „Alternative für Deutschland“ beiseite, vergessen für einen Moment die von ihr gewünschte Auflösung des Euro-Raums und die Wiedereinführung nationaler Währungen, und kümmern uns stattdessen um die wirklich wichtigen Dinge, nämlich um das historische Programm, das es zwar nicht in die offizielle Parteidoktrin geschafft hat, das aber als beständig mitlaufender Subtext präsent ist.

Und da ist auffallend häufig von Dingen die Rede, die eher in die Zeit vor 1989 passen – falls sie historisch nicht noch weiter zurückreichen –, als die Welt einem noch hübsch geordnet vorkommen konnte. Da ist viel von „Deutschland“ die Rede (wenn auch immer wieder garniert mit den standardisierten Verweisen auf die nachbarschaftliche Kooperation mit dem Rest Europas), da wird regelmäßig die „Nation“ bemüht, da soll alles „kleiner“ und „stabiler“ werden (also nicht mehr so europäisch und so unübersichtlich), da ist die Familie die „Keimzelle der Gesellschaft“, da wird auch schon einmal explizit die „Rückkehr“ zu „Bewährtem“ gefordert, beispielsweise die „Rückkehr zu bewährten Diplom- und Staatsexamensstudiengängen“ und da soll (wenig überraschend) die „ungeordnete Zuwanderung in unsere Sozialsysteme“ unterbunden werden.

Flucht vor Verunsicherungen

Hier spricht die durchaus erwartbare konservative Furcht vor der Unübersichtlichkeit, vor der Fremdheit, vor Neuerungen und vor dem stets drohenden Verlust des Erreichten und Erarbeiteten. Jede Verschiebung im Horizont des eigenen Weltbildes löst Verunsicherungen aus, die durch ein Festhalten am Altgedienten kontrolliert werden sollen. Da das Morgen beim derzeitigen Lauf der Dinge eigentlich nur noch mehr Verunsicherungen bringen kann, wird das Heil in der Vergangenheit gesucht. Die „Alternative für Deutschland“ sucht also eine Alternative im Gestern.

Was bei all den Turbulenzen auf den Finanzmärkten und im Euro-Schulden-Raum, die das frühe 21. Jahrhundert zu bieten hat, allenthalben für erhebliches Unbehagen sorgt, sind nicht nur die wirtschaftlichen, sondern auch die temporalen Auswirkungen. Auf den Finanzmärkten wird nämlich nicht nur Geld gewonnen oder verloren, sondern wird ebenso Zeit als Möglichkeitraum geschaffen oder vernichtet.[1] Und unabhängig davon, ob es die Finanzwirtschaft oder die Finanzpolitik ist, das Gebaren nicht nur der letzten Jahre, sondern der letzten Jahrzehnte zeigt in eine deutliche Richtung: In unserer eigenen Gegenwart können wir nur noch konstatieren, wie die jüngere Vergangenheit die Zukunft aufs Spiel gesetzt und sich dabei verzockt hat. Die unglaublichen Finanzmengen, die heute aufgewendet werden, um eine Zukunft zu retten, von der noch niemand weiß, wie sie aussehen wird, führen zu einer massiven Einschränkung künftiger Handlungsmöglichkeiten – und zwar schon heute. Wir verbrauchen unsere Zukunft (und die Gegenwart der Zukünftigen) schon jetzt. Möglicherweise sollte man – einem Vorschlag von Barbara Adam folgend – Aktionen und Produkte der Gegenwart nicht nur mit einem ökologischen, sondern auch mit einem temporalen Fußabdruck versehen. Er könnte sichtbar machen, ob zukünftige Handlungsspielräume eröffnet oder vernichtet werden. Wie dieser Fußabdruck beim gegenwärtigen Finanzgebaren aussähe, versteht sich von selbst.

Nun bereichert die „Alternative für Deutschland“ dieses Spiel mit der Zeit im Zeichen der finanziellen Apokalypse um eine weitere, recht naheliegende, aber bisher noch nicht so prominent dargebotene Variante. Nun wird auch noch mit der Vergangenheit gezockt. Man fühlt sich unweigerlich an das Europa des 16. Jahrhunderts erinnert, als nach der Reformation der Kontinent in zahlreiche unterschiedliche Konfessionskirchen aufgespalten war. Auch damals stand das Ende der Welt vor der Tür, wenn auch in heilsgeschichtlicher Hinsicht. Und im Angesicht der Apokalypse wurden auch damals unterschiedliche zeitliche Varianten durchgespielt. Die Protestanten wollten mit ihren reformatorischen Bestrebungen zurück zu den Zuständen der christlichen Urkirche, andere hingegen ersehnten die naheliegende Zukunft einer tausendjährigen Herrschaft Christi auf Erden, bevor es zum Jüngsten Gericht kommen sollte. Auch gegenwärtig scheinen wir es eher mit ökonomischen Glaubensgemeinschaften als mit rationalen Programmen zu tun zu haben, die hier gegeneinander stehen.

Aber den Alternativsuchern im Gestern sei eine historische Grunderkenntnis mit auf den Weg gegeben, die sie bei ihren Bemühungen achtsam beherzigen sollten: Nicht nur die Zukunft, auch die Vergangenheit ist unvorhersagbar. Das Gestern kann zwar besser werden, muss aber nicht. Daher Vorsicht an historischen Bahnsteigkante.

[1] Elena Esposito, Die Zukunft der Futures. Die Zeit des Geldes in Finanzwelt und Gesellschaft, Heidelberg 2010

MützeSelbstentwicklungshilfeminister

Es war einmal ein deutscher Entwicklungshilfeminister, der gar nicht Entwicklungshilfeminister werden wollte und bei dem sich auch niemand erklären konnte, warum ausgerechnet er diesen Job übernehmen sollte. Zudem hatte dieser Entwicklungshilfeminister einen Regierungsposten besetzt, den seine Partei und wahlprogrammgemäß auch er selbst kurz zuvor noch als unnötig und geldverschwenderisch abschaffen wollten. Nicht zuletzt musste man sich fragen, bei welcher „Entwicklung“ dieser Minister hätte helfen können, außer vielleicht bei seiner eigenen karrieretechnischen. Aber es scheint dann insbesondere der letzte Punkt gewesen zu sein, der ihn alle Bedenken über Bord werfen ließ, um im Dienst der Sache, nämlich seiner eigenen, im Jahr 2009 diesen Posten zu übernehmen. Besser irgendein Minister als gar kein Minister.

Seither kann man ab und an beobachten, wie Dirk Niebel möglichst medienwirksam in dieser politischen Arena zu reüssieren versucht, wie er bei großen internationalen Kongressen immer etwas deplatziert wirkt in diesen multikulturellen Zusammenhängen, wie in der Begegnung mit Menschen von anderen Kontinenten die Überraschung über deren FDP-Ferne immer noch groß zu sein scheint, wie ein gewisses Fremdeln mit dem eigenen Amt und den damit zusammenhängenden Aufgaben kaum zu übersehen ist – und wie ein Minister sich mit einer befremdlichen Mütze vor der Hitze Afrikas zu schützen sucht.

Die Mütze im Museum

Richtigerweise muss man inzwischen sagen: mit der er sich zu schützen versuchte. Denn die vor Kurzem noch aktuelle Verwendung von Niebels Mütze ist inzwischen zur Vergangenheit geworden. Eine Verwendungsweise hat der anderen Platz gemacht, das Kleidungsstück ist zum Ausstellungsstück mutiert. Niebels Mütze ist den Weg alles Symbolischen gegangen: Sie ist ins Museum gewandert. Am 7. März 2013 übergab der Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Dirk Niebel, dem Sammlungsdirektor des Hauses der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn, Dr. Dietmar Preißler, die Mütze, die er seit seiner Bundeswehrzeit bei den Fallschirmjägern besaß (die Fallschirmspringerei scheint in der FDP eine gewisse Tradition zu genießen) und die er bei seinen ministerialen Auslandsreisen immer getragen hat. Wir haben es also mit der historischen Großepoche zwischen Frühjahr 2010 (Niebels erste Auslandsreise) und Frühjahr 2013 (Musealisierung der Mütze) zu tun.

In dieser Zeit hat Niebel – diese Mütze tragend – welche historisch aufwühlenden Taten vollbracht oder ihnen wenigstens beigewohnt? Nun, er ist ins nicht-europäische Ausland gereist und hat Fernsehinterviews gegeben, was man eben so macht als Entwicklungshilfeminister. Dabei hat er immer getreu dem Michel-aus-Lönneberga-Motto gehandelt: „Nicht ohne meine Müsse.“ Da kann man nur sagen: Das wurde aber auch Zeit, dass dieses einmalige Stück der jüngeren Zeitgeschichte endlich dem Museum vermacht und dem drohenden Verlust für die Nachwelt entrissen wurde. Entsprechend ließ der Minister auf der Internetseite seines Ministeriums auch der Freude Ausdruck verleihen, „dass meine Mütze heute den Weg in die Geschichtsbücher findet.“ (Ohne allzu beckmesserisch sein zu wollen, aber zunächst ist die Mütze ins Geschichtsmuseum gewandert; ob sie es in die Geschichtsbücher schafft, ist eine andere Frage. Aber vielleicht freut sich der Minister auch, dass sie den Weg in (m)ein Geschichtsblog gefunden hat?)

Mütze und Macht

So erfreulich und geschichtsträchtig dieser Vorgang auch sein mag, einige Fragen drängen sich natürlich auf, bei denen es politisch und vor allem historisch interessant wird. Da wäre einmal die Frage nach der Initiative – wer hat denn dafür gesorgt, dass das gute Stück ins Museum kommt? Ich hege den Verdacht, dass es vielleicht nicht das Museum selbst war. Schließlich hat Niebel schon vor Längerem angekündigt, dass es seine umstrittene Kopfbedeckung noch einmal ins Museum schaffen würde. Aber dass es so schnell gehen würde …

Nächste Frage: Was könnte sich das Museum von dieser vorauseilenden Historisierung versprechen? Sammlungsdirektor Preißler sagte laut Pressemeldung, die Mütze stehe „in einer Reihe mit Kleidungsstücken von Politikern, die über deren Person und die Wahrnehmung in den Medien Auskunft geben“. Joschka Fischers Turnschuhe, Helmut Kohls Strickjacke, Helmut Schmidts Schirmmütze – alles museal nachvollziehbar und tatsächlich Teil des bundesrepublikanischen Bildgedächtnisses geworden. Aber befindet sich Niebels Mütze tatsächlich schon in dieser Liga? Sollte dem nicht so sein, dürfte man weniger die Mütze selbst als vielmehr ihren Träger dafür verantwortlich machen. Das Museum wäre zumindest vorbereitet, wenn dem Politiker doch noch ein kometenhafter Aufstieg vergönnt sein sollte (auch das soll in der FDP ja schon vorgekommen sein). Und einer geschenkten Mütze schaut man nicht auf die Schweißränder.

Dritte Frage: Welche historische Erkenntnis darf der künftige Museumsbesucher von dem Ausstellungsstück erwarten? Es ist richtig, der Zusammenhang von Kleidung und Macht kann gar nicht hoch genug veranschlagt werden. Die Botschaften, die eine Elisabeth II. im Krönungsornat, ein Mao Zedong in Arbeiter- oder Soldatenuniform und ein Joschka Fischer in Turnschuhen bei der Vereidigung übermitteln, sind wesentlich prägnanter als langatmige Reden. [1] Hier kann man tatsächlich auf einen Blick erfassen, wofür diese politischen Entscheidungsträger stehen oder wie sie gesehen werden wollen. (Das Bonner Museum kann sich also schon einmal an die Planung eines Anbaus machen, wenn demnächst Angela Merkel ihre gesamte Kollektion an Kostümen vorbeibringt.) Wenn das aber so ist, welche Botschaft wollte Niebel dann vermitteln, als er im Ausland ausgerechnet mit einer Mütze des deutschen Militärs auftauchte? Vielleicht: „Oh, Entschuldigung, ich hatte gerade keinen anderen Schutz gegen die Sonne zur Hand“? „Mein spärliches Ministergehalt genügt leider nicht für eine andere Kopfbedeckung“? „Entwicklungshilfe ist ein Kampfeinsatz“? Oder: „Wenn ich schon eine Randfigur im Kabinett bin und von der Materie wenig Ahnung habe, dann sollte ich dabei wenigstens optisch auffallen“?

Diese eher unangenehm berührende Form der Selbsthistorisierung kann den künftigen Museumsbesucher also am ehesten darüber belehren, wie zukünftige Vergangenheiten in der Gegenwart dazu missbraucht werden sollten, politische und historische Bedeutung zu produzieren, die bedauerlicherweise wenig Substanz hat. Geschichte wird gemacht, das ist schon richtig. Aber glücklicherweise ist daran nicht nur eine Person beteiligt. Über eine wirklich nachhaltige Historisierung und Musealisierung entscheiden immer noch die Nachgeborenen, nicht allein die Gegenwärtigen.

Schade allerdings, dass ausgerechnet diese weit reichende Erkenntnis den Besuchern des Hauses der Geschichte in Bonn bis auf weiteres verwehrt bleibt. Die Mütze verschwindet nämlich erst einmal in der Asservatenkammer (was die Pressemeldungen peinlichst verschwiegen haben). Dabei war es doch das Ziel dieser Aktion, Niebels politischer Karriere genau diesen Gang zu ersparen.

[1] Thomas Frank u.a.: Des Kaisers neue Kleider. Über das imaginäre politischer Herrschaft, Frankfurt a.M. 2002.

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