Archive für Kategorie: Geschichtskultur

Neue alte Geschichten aus dem 19. Jahrhundertdeutsch

„Deutsch!“ schallt es nachdrücklich aus den Fernsehlautsprechern. „Deutsch! Deutsch! Deutsch!“ In einer Möchtegern-Rammstein-Rums-Manier, die nach Stahl und Schwulst und Schweiß und Leder und überhaupt nach allem schmeckt, was man leichthin mit Deutsch!-Land verbinden könnte, wummert ein schleppender und dumpf stampfender Beat der Band „Die Prinzen“ immer dann los, wenn die Geschichtsdokumentation „Deutschland-Saga“ ihren Anfang nimmt. Drei Folgen dieser Reihe liefen bereits im Herbst 2015, drei weitere folgen nun im Frühjahr 2015.

Man hat von dieser Sendung schon eine ganze Menge verstanden, wenn man den solcherart musikalisch unterlegten Vorspann sieht. Da fährt Christopher Clark – Australier, Deutschland-Experte und Cambridge-Professor, wie regelmäßg betont wird – in einem roten Käfer-Cabriolet durch eine künstliche Erlebnisparklandschaft, in der Abziehbildchen von Repräsentanten deutscher Geschichte herumstehen, vom Neandertaler über Martin Luther bis zu Bismarck und dem Gartenzwerg. In etwas mehr als 20 Sekunden wird ein Dieter-Thomas-Heck-artiger Schnelldurchlauf durch die deutsche Geschichte geboten, und die Zuschauerschaft kann sich historisch gleich zu Hause fühlen, wenn hier lauter Themen offeriert werden, die sie ohnehin schon kennt.

Vor allem aber wird schon hier der Ansatz einer historischen Erzählung deutlich, die sich durch drei Aspekte auszeichnet: erstens Identität, zweitens Kontinuität, und das Ganze drittens gepaart mit dem zuweilen recht verzweifelten Versuch, eine Prise frischer und frecher Darstellungsmittel darüber zu streuen (deswegen: roter Käfer-Cabrio!). Die Chose mutet nicht zuletzt deswegen so bekannt an, weil sie – und das ist das Hauptproblem – einmal mehr in nur leicht abgewandelter Form die Nationalisierungsdiskurse des 19. Jahrhunderts aufwärmt. Da werden frisch, fromm, fröhlich, frei die ganz großen Linien gezogen, von den ‚Deutschen‘ der Steinzeit bis zu den Deutschen der Jetztzeit, da wird eine Substanz ‚deutschen Wesens‘ vorausgesetzt, die jedem gestandenen Nationalisten wahre Freude machen könnte (auch wenn diesem bei der darstellerischen Umsetzung wohl der nötige gravitätische Ernst fehlen würde), und da werden unterschiedslos tausende von Jahren mit all den Differenzen, wie sie sich in sämtlichen Lebensbereichen finden, in einem einzigen Paket zusammengeschnürt und mit dem Siegel „deutsch!“ versehen, so dass es am Ende völlig gleichgültig ist, ob wir uns im Frühmittelalter oder im 19. Jahrhundert befinden.

Differenzierungen unterrühren

Da ist es wenigstens offen und konsequent, wenn die Reihe sich selbst als „Saga“ bezeichnet. Denn das Mythische kommt hier wahrlich nicht zu kurz, wenn es sich auch beständig mit dem Deckmäntelchen der Geschichtswissenschaftlichkeit bedeckt. Anhand alt bekannter Themen – Staat, Kultur, Natur – werden Beispiele in einen Topf geschmissen und mit einem Hochgeschwindigkeitsquirl nicht länger als nötig verrührt, bis ein schwarz-rot-goldener Brei herauskommt. Christopher Clark versucht zwar immer wieder bei den Kommentaren, die er direkt in die Kamera spricht, Anstrengungen zur Differenzierung zu unternehmen, indem er betont, dass es gerade die Unterschiede und die Vielfalt Deutschlands seien, die ihn faszinierten. Diese zarten Pflänzchen historischer Diversität werden aber unmittelbar im Anschluss durch eine nationale Gesamterzählung wieder platt gemacht.

Überhaupt gibt es eigentlich nur einen Grund, weshalb es sich lohnt, diese Sendung anzusehen – und das ist der „Moderator“, wie die Rollenzuweisung im Abspann lautet. Als Professorendarsteller, den eine solche Geschichtsdokumentation zwangsläufig zu benötigen scheint, macht Christopher Clark seine Arbeit wirklich gut. Auch wenn seine fachlichen Qualitäten kaum benötigt werden, so erweist er sich als hervorragender Entertainer und Schauspieler – und Sänger! Die Szenen, in denen er vor die Kamera tritt, gehören zu den wenigen wirklichen Hinguckern dieser Produktion. Nicht nur, dass er dem Ganzen eine gewisse ironische Note und aufgrund seiner Nationalität auch eine recht hilfreiche verfremdende Perspektive zu geben vermag.

Wiederholungszwang

Ansonsten ist es aber ein geradezu unheimlicher, um nicht zu sagen unverschämter Widerholungszwang zweiter Ordnung, der in dieser Serie ausgeübt und eingeübt wird. Nicht nur, dass inhaltlich die fadesten Nationalitätsdiskurse des 19. Jahrhunderts wiederholt werden, darüber hinaus kopiert sich das Geschichtsfernsehen hier selbst, weil zu den einzelnen Themen zumeist Spielszenen verwendet werden, die bereits älteren Sendungen entstammen. Und diese Form der Zweiterverwertung erfährt dann noch eine zusätzliche Rückkopplungsschleife in den einzelnen Folgen selbst, weil manche Szenen gleich mehrfach verwendet werden. So fährt Madame de Staël wiederholt in ihrer Kutsche durch dieses Deutsch!-Land, und zwar immer dann, wenn man in der Erzählung eine etwas verfremdende Außenperspektive benötigt. Da stellt sich dann schon die Frage, ob sich die Themen dieser Reihe einem eigenständigen Konzept verdanken oder vor allem unter dem Gesichtspunkt ausgesucht wurden, ob bereits entsprechendes Material in den fernseheigenen Archiven lagerte, das problemlos wiederverwertet werden konnte.

Einen gesonderten Abzug in der B-Note bekommt die Musikredaktion, die zwar notorisch witzig sein möchte, dabei aber durchgehend plump wirkt. Die Völkerwanderung mit einer Coverversion von Dylans „Blowin‘ in the wind“ zu untermalen, die Fahrten Mark Twains auf dem Neckar mit „Wasn’t born to follow“ von den Byrds anzureichern oder das Thema deutscher Fürsten im 18. Jahrhundert als Mäzene für Künstler und Schriftsteller mit „Hey Big Spender“ lautstark zu kommentieren, wirkt aufdringlich. Auch da muss der Moderator rettend dagegen halten, wenn er auf dem Rhein Schubert-Lieder anstimmt oder sich singend beim Leipziger Thomaner-Chor einreiht.

Auf der Suche nach den Televisionären

Wenn in jüngerer Zeit wiederholt und zu Recht gefordert wird, im Fernsehen intelligentere Geschichten zu erzählen, uns als Zuschauer mehr zu fordern, so wie dies in den gut gemachten und in den Feuilletons dieses Landes immer wieder gelobten amerikanischen oder skandinavischen Fernsehserien geschieht (Breaking Bad, House of Cards, True Detectives, Borgen), dann stellt sich die Frage, ob Nämliches nicht auch für dokumentarisches Fernsehen gelten darf. Insbesondere das allseits beliebte und regelmäßig mit hohen Einschaltquoten aufwartende deutsche Geschichtsfernsehen hat sich in seiner jüngeren Vergangenheit erfolgreich darum bemüht, seinen Ruf gründlich zu ruinieren. Nicht nur weil es mit den immer gleichen Themen, den immer gleichen Darstellungsmitteln und den immer gleichen Auseinandersetzungen mit der akademischen Geschichtswissenschaft aufwartet – sondern vor allem weil es die immer gleichen Narrative bemüht. Die sind so verlässlich und so vorhersehbar wie öffentlich-rechtliche Vorabendserien.

Nota bene: Mir geht es hier überhaupt nicht darum, für historische Dokumentationen einen größeren Einfluss der Geschichtswissenschaft zu fordern. Dafür wäre dieses Format völlig fehl am Platz. Im Gegenteil: Ähnlich wie sich die Geschichtsschreibung um Darstellungsformen bemühen sollte, die nicht einfach nur den Status quo repetieren, sollte es doch auch gerade für das Geschichtsfernsehen eine Herausforderung sein, etablierte Pfade zu verlassen und Geschichte(n) einmal anders zu erzählen – insbesondere dann, wenn diese Pfade bis ins 19. Jahrhundert zurückreichen.

Dann wäre es beispielsweise möglich, das deutsch!-nationale Muster einmal zu verabschieden, um stattdessen Geschichten zu erzählen, die sich an ganz anderen Instanzen orientieren, die beispielsweise anhand von Verkehrsmitteln, Sportbetätigungen, Schönheitsidealen oder Naturauffassungen tatsächlich einmal wesentlich stärker die Vielfältigkeiten und Differenzierungen in den Mittelpunkt rücken, anstatt eine krude Identitätsbildung zu forcieren.

Den Moderator kann man dann auch gerne behalten.

Werbeanzeigen

An das Vergessen erinnernforget it

Kaum scheint uns alles zuhanden, müssen wir es auch schon wieder loswerden. Kaum ist die jüngste Medienrevolution entlarvt worden, doch nicht der Eintritt ins Paradies gewesen zu sein, müssen wir uns auch schon mit ihren höllischen Folgewirkungen herumschlagen. Kaum scheint es uns gelungen, schier endlose Mengen an Daten und Informationen halbwegs dauerhaft für einen erheblichen Teil der Menschheit verfügbar zu machen, sind wir uns nicht mehr sicher, ob das auch wirklich alles gewusst werden soll. Kaum glauben wir die Möglichkeiten an der Hand zu haben, an alles erinnern zu können, fällt uns auf, wie wichtig es ist, auch mal vergessen zu dürfen.

Am Beispiel des Rechts auf Vergessenwerden im Internet, das nun schon seit geraumer Zeit vor allem unter juristischen Vorzeichen diskutiert wird, lässt sich nicht nur einiges über unser Verhältnis zum „Neuland“-Medium lernen, sondern werden auch die temporalen Probleme offenbar, die jede Verschiebung im medialen Ensemble mit sich bringt.

Das Recht auf Vergessenwerden entweder einzufordern oder vehement abzulehnen, zeigt nicht zuletzt die widersprüchlich erscheinenden Folgewirkungen einer Demokratisierung von Informationen an (von Wissen würde ich hier ausdrücklich noch nicht sprechen wollen). Bei dem Versuch, einen möglichst großen Teil der Bevölkerung an der res publica, an den öffentlichen Angelegenheiten teilhaben zu lassen, setzt man nicht ganz zu Unrecht auf den Zugang und die Verbreitung entsprechender Informationen durch geeignete Medien. Mit dem Internet verband sich ja die Hoffnung, auf eben diesem Weg einen gehörigen Schritt weitergekommen, wenn nicht sogar bereits am Ziel angekommen zu sein. Wie sehr sich eine solche Hoffnung inzwischen als Illusion herausgestellt hat, können wir seit Jahren auf unterschiedliche Art und Weise erfahren. Erstens gibt die Kontrolle über das Medium immer noch ausreichende Möglichkeiten an die Hand, um zu bestimmen, was eine wie auch immer geartete Öffentlichkeit erfahren darf und was nicht. Zweitens bringt das Internet ganz neue Formen zur Herstellung von Arkanpolitik und Geheimwissen hervor, die zuvor überhaupt nicht möglich gewesen waren (worauf wir dann wieder durch Whistleblower hingewiesen werden). Und drittens schlägt die Demokratisierung von Informationen weniger bei den res publica als vielmehr bei den res privata durch. Und genau hier, bei den intimen Angelegenheiten, die nicht von allen problemlos in Erfahrung gebracht werden sollen, wird das Recht auf Vergessenwerden akut – beim peinlichen Partyfoto, dem Urlaubsvideo in allzu leichter Bekleidung oder einem despektierlichen Blogeintrag.

Stellt sich natürlich die Frage, was man höher bewertet wissen möchte, den freien und demokratischen Zugang zu Informationen oder die Wahrung der Privatsphäre. Zur Diskussion steht dann eine Grenzziehung, die sich niemals endgültig fixieren lässt, nämlich zwischen dem Beginn des Privaten und dem Ende des Öffentlichen. Müssen es sich Prominente gefallen lassen, dass ihre Urlaubsbilder im Netz verfügbar sind, weil es sich um Personen des öffentlichen Lebens handelt? Haben Arbeitgeber ein berechtigtes Interesse an den gefilmten Alkoholexzessen ihrer Angestellten, weil davon ihr Unternehmen unmittelbar betroffen ist? Hier steht nichts weniger auf dem Spiel als die Frage nach der Entgrenzung jedes einzelnen Lebens in die Allgemeinheit hinein.

Forget it!

Aber das ist ja nur die aktualitätsfixierte Seite des Themas, nur derjenige Aspekt, der Schlagzeilen zu produzieren verspricht, weil Semi- oder Vollprominente Gerichtsprozesse anstrengen oder in der Rubrik „Vermischtes und Skurriles“ junge Menschen auftauchen, die beim Bewerbungsgespräch mit ihrer nicht lebenslauftauglichen Vergangenheit konfrontiert werden. Daneben und darunter spielen sich aber andere Auseinandersetzungen um Grenzziehungen ab, die weniger das Private/Öffentliche, sondern eher das Gestern/Heute/Morgen und das Vergessensollen/Erinnernmüssen betreffen. Kann man also Vergessen dekretieren? Schließlich kennen wir alle diesen Gag aus der Psychologen-Trickkiste für blutige Anfänger: Was passiert, wenn man jemanden auffordert, auf gar keinen Fall an den rosa Elefanten zu denken? Eben…

Alle Formen der Zensur können von diesem Dilemma ein Lied singen. Gerade dann, wenn man es sich als Wahrer von guter Ordnung, Moral und Sitte zum Ziel gesetzt hat, eine bestimmte Verlautbarung, die gegen diese selbst gesetzten Prinzipien verstößt, in ihre Schranken zu weisen, gerade dann erfährt diese Verlautbarung besondere Aufmerksamkeit. Wenn man auf gar keinen Fall vergessen werden will, sollte man sich also intensiv darum bemühen, dass einen andere vergessen machen wollen – dann erhöht sich die Chance deutlich, erinnert zu werden. Womit wir auch schon beim nächsten Problem angelangt wären, inwieweit nämlich Vergessen entweder ein aktiver oder passiver Vorgang ist. Kann man sich tatsächlich dazu zwingen, etwas zu vergessen (siehe rosa Elefant) oder muss man nicht warten, bis bestimmte Erinnerungen durch andere überlagert werden?

Weil das aktive Vergessen auf einer individuellen und kognitionstheoretischen Ebene füglich zu bezweifeln ist, konnte Umberto Eco in einem viel zitierten Beitrag (aber welcher Beitrag von ihm wäre nicht viel zitiert?) auch zurecht behaupten, dass man eine Kunst des Vergessens vergessen könne. [1] Die Befürworter eines Rechts auf Vergessen könnten dem entgegnen, dass es ihnen darum auch gar nicht gehe. Die Kunst zur Auslöschung bestimmter individueller Gedächtnisinhalte interessiere sie gar nicht, vielmehr gehe es darum, bestimmte Inhalte für das kollektive Gedächtnis unzugänglich zu machen. Und damit wäre dann auch eine wichtige Präzisierung in der gesamten Diskussion um das Recht auf Vergessenwerden im Internet erreicht. Um das Vergessen geht es nämlich überhaupt nicht. Es geht nur darum, die Verbindungen zu kappen und die Spuren zu löschen, die zu bestimmten Inhalten hinführen könnten, und das vor allem bei der wichtigsten Suchmaschine Google. Vergessen wird hier also gar nichts, es wird höchstens das Suchen erschwert.

Aber das Signal ist natürlich trotzdem nicht zu unterschätzen, denn schon seit halben Ewigkeiten bemühen sich Kulturen darum, unliebsame Inhalte per Dekret aus dem kollektiven Gedächtnis zu entfernen. Bedeutsam wurde ein solches Vorgehen regelmäßig nach Kriegen, wenn in Friedensverträgen festgehalten wurde, dass alle Erinnerungen an begangene Grausamkeiten und Freveltaten ausgelöscht werden sollten. (Dieses Vergessensgebot hat sich erst im Verlauf der Kriege des 20. Jahrhunderts in das Gegenteil eines Erinnerungsgebots verkehrt.) Sollte bei solchen Bemühungen also die Grenze zwischen Gegenwart und Vergangenheit aufrecht erhalten werden, um den gewesenen Krieg nicht in das Heute hineinschwappen zu lassen, handelt es sich in Zeiten des Internet eher um den Versuch, die alles umfassende Technik nicht vollständig das eigene Leben bestimmen zu lassen. Aber um ein wirkliches Vergessen kann es natürlich nicht gehen. Es kann nur um eine symbolisch aufzurufende Markierung gehen, entsprechende Grenzziehungen einzuhalten. Wer sich daran nicht gebunden fühlt, wird problemlos Wege finden, das Recht auf Vergessenwerden zu vergessen.

Heute das Gestern von morgen bestimmen

Historisch interessant ist die gesamte Angelegenheit, weil wir es hier auch mit einem Versuch zu tun haben, Grenzen zwischen den Zeiten zu ziehen. Schließlich steckt hinter dem Recht auf Vergessenwerden ganz wesentlich der Versuch, ein bestimmtes Stück Vergangenheit im Orkus verschwinden zu lassen, und damit heute schon bestimmen zu wollen, was man morgen noch über das Gestern wissen kann. Das hat bereits diverse Menschen und Gruppen auf den Plan gerufen, die sich gegen eine Zensur der Vergangenheit und damit einhergehende Konsequenzen für die historische Forschung gewendet haben.

Dieser Aspekt ist wahrlich nicht zu unterschätzen. Denn in der Tat ist hier das Bemühen zu beobachten, schon heute eine Vergangenheit zu kreieren, die erst morgen relevant werden dürfte. Zugleich ist die gesamte Diskussion in einen größeren Rahmen einzuordnen. Menschen und Kulturen waren zu allen Zeiten mittels unterschiedlicher Techniken darum bemüht, nicht nur Erinnerungen zu bewahren, sondern auch das Vergessen aktiv zu befördern (damnatio memoriae). Und auch wir, hier und heute, in den vergangenheitsseligen Zeiten des frühen 21. Jahrhunderts, sind auf vielfachem Weg darum bemüht, die Vergangenheit von morgen zu produzieren. Sehen wir uns doch nur die Praxis derjenigen an, die aus durchaus berechtigten Gründen das Recht auf Vergessenwerden fürchten: In Archiven werden die Konsequenzen diskutiert, die mit entsprechenden juristischen Regelungen einhergehen könnten. Aber was tun denn die Archive selbst, wenn nicht als Vergessensmaschinen zu fungieren? Im Gegensatz zu der zuweilen immer noch anzutreffenden Überzeugung, dass Archive vor allem dazu da seien, Dokumente übe die Zeiten hinweg aufzubewahren, die für Institutionen und Kollektive von Bedeutung sind, muss man festhalten, dass das weniger als die halbe Wahrheit ist. Archive sind in wesentlich größerem Maß damit beschäftigt, Erinnerungen zu tilgen, weil sie das allermeiste Material, das ihnen zugeführt wird (deutlich über 90%) vernichten müssen. Hier geht es vielleicht weniger um die Frage, ob man vergessen darf (oder muss), sondern eher um die Frage, wer darüber entscheiden kann, was vergessen werden darf.

Das Recht auf Vergessenwerden allein auf Internetsuchmaschinen zu delegieren, ist also reichlich kurz gesprungen. Denn es sind nicht Maschinen, die vergessen, sondern es sind Menschen, die vergessen sollen. Das menschliche Vergessen steht aber nicht nur unter einem gewissen kognitiven Vorbehalt, sondern hängt auch von der Benutzung anderer Medien als dem Internet ab (die soll es ja geben!) sowie von den Anstrengungen, die man auf sich zu nehmen bereit ist. Denn sich zu erinnern, erfordert tatsächlich Mühe. Unterlässt man diesen Energieaufwand, ist dem Vergessen kaum Einhalt zu gebieten.

Würde man den Versuch einer quantifizierenden Bestandsaufnahme unternehmen, würde sich wohl ohne weiteres herausstellen, dass im Umgang mit der Vergangenheit das Vergessen ohnehin der wesentlich normalere Vorgang als das Erinnern ist. Geht wohl auch gar nicht anders, denn wie schon Jorge Luis Borges wusste, würde das vollkommene Gedächtnis zur ebenso vollkommenen Lebensunfähigkeit führen. [2] Möglicherweise werden solche Überlegungen gemieden, weil sie das unumgängliche Paradox vor Augen führen, das unser Verhältnis mit der Vergangenheit prägt, es nämlich mit einer anwesenden Abwesenheit zu tun zu haben. Die Vergangenheit existiert nicht mehr, und gerade deswegen müssen wir zumindest einige letzte Spurenelemente davon gegenwärtig halten. Das Recht auf Vergessenwerden scheint in diesem schütteren Rest von Vergangenem noch mehr weiße Flecken produzieren zu wollen. Vielleicht ist die Diskussion darum aber auch nur ein Ausdruck unseres Unbehagens, das uns angesichts der medialen Möglichkeiten umfassender Geschichtsproduktion auf allen gesellschaftlichen Ebenen überfällt. Vielleicht wollen wir nur das Paradox einer Vergangenheit zurückhaben, die wirklich vergangen und nur deshalb gegenwärtig ist.

 

[1] Umberto Eco: An Ars Oblivionalis? Forget it!, in: Publications of the Modern Language Association (PMLA) 103 (1988) 254-261.

[2] Jorge Luis Borges: Das unerbittliche Gedächtnis, in: ders., Fiktionen. Erzählungen 1939-1944, 6. Aufl. Frankfurt a.M. 1999, 95-104.

Gefahr von außen?europa

Jetzt liegen sie in ihren Särgen, die 17 Opfer der Anschläge von Paris. Jetzt sind sie zur Strecke gebracht, die Mörder dieser 17 Menschen, die mit erschreckender Kaltblütigkeit und Konsequenz ihre Anschläge durchgeführt haben. Jetzt finden sie statt, die Kundgebungen und Trauermärsche, die das so wichtige Signal aussenden, vor dieser Brutalität nicht zu kapitulieren. Und jetzt, im Angesicht dieser Särge und dieser Gewalt und dieser Emotionen, werden sie wieder beschworen, die europäischen Werte, die es gegen ihre Feinde zu verteidigen gelte und die Europa enger zusammenrücken lassen sollen.

In dieser Weise von der ‚Verteidigung‘ der europäischen Werte zu sprechen, wie es seit dem 7. Januar 2015 allenthalben geschieht, ruft unmittelbar eine äußere oder zumindest fremde Bedrohung auf, die nach Europa eingedrungen ist und dessen Werte gefährdet. Das Dumme ist nur: Die Attentäter von Paris kamen nicht von außen. Sie waren nicht fremd, sie waren keine Eindringlinge. Vielmehr sind sie ausgiebig mit diesen Werten in Kontakt gekommen und damit groß geworden. Auch die Attentäter auf die Londoner U-Bahn im Jahr 2005 kamen nicht von außen, sondern waren in England geboren und aufgewachsen. Auch der versuchte Anschlag auf den Bonner Hauptbahnhof 2012 wurde von Menschen geplant, die – wie es so schön einvernehmlich heißt – aus der ‚Mitte dieser Gesellschaft‘ kommen.

Gegen wen müssen wir uns also verteidigen? Und was müssen wir verteidigen? Wenn man nach einer Konkretisierung derjenigen Werte fragt, die da gegen ihre Feinde beschützt werden sollen, kommt ein recht bekannter Katalog zusammen, der unter anderem Komponenten wie Toleranz, Meinungsfreiheit, Unverletzlichkeit der Person, Gleichheit vor dem Recht, Demokratie und andere wichtige Errungenschaften mehr enthält.

Das sind Inhalte, auf die man sich mehrheitlich ohne weiteres wird verständigen können. Aber ist das nicht ein recht idealistischer und auch unvollständiger Katalog, mit dem wir es da zu tun haben? Gibt es denn nicht noch andere Werte, die diesen Kontinent kennzeichnen? Wie steht es denn mit Formen des Wirtschaftens, mit der Wertschätzung von Reichtum und Einfluss sowie mit all den weitreichenden gesellschaftlichen und politischen Konsequenzen, die sich daraus ergeben – ist das denn etwa kein Wert, der diesen Kontinent prägt?

Wie auch immer man die europäischen Werte genauer kennzeichnen will, sie mussten nicht nur in zahlreichen und langwierigen Auseinandersetzungen historisch erst einmal erkämpfen werden – wir haben es zusätzlich mit dem Problem zu tun, dass uns eben diese aufklärerischen Werte in ein notorisches und kaum aufzulösendes Paradox stürzen. Es handelt sich dabei um etwas anderes als um die (nicht minder notorische) Dialektik der Aufklärung, die sich nach gut dialektischer Manier ja irgendwann und irgendwie in eine Synthese auflösen müsste, sei es nun die totale Katastrophe (wie bei Horkheimer und Adorno) oder sei es das rationale und liberale Paradies (wie bei so manchen Vertretern des Posthistoire). Im Gegensatz dazu lässt sich das Paradox der Aufklärung nicht auflösen, sondern beschert allen, die sich darauf verpflichten oder darauf verpflichtet wurden, regelmäßig weitreichende Dilemmata. Diese Spannungen lassen sich identifizieren als diejenigen Probleme, die in Erscheinung treten, sobald die Aufklärung auf sich selbst angewandt wird. Dann treten sie nämlich auf, die schwierigen Diskussionen, wieviel Vielfalt man tatsächlich akzeptieren muss, wieviel Intoleranz man zu tolerieren hat und wie aufklärerisch es ist, die Aufklärung anderen auch gegen deren Willen aufzuzwingen. Steckt also nicht in den famosen europäischen Werten die Gefahr, sich potentiell auch gegen sich selbst zu richten? Wird denn ausreichend bedacht, ob diese europäischen Werte auch negative Komponenten enthalten könnten?

Fetisch Eigentum

Vergessen wir zum Beispiel nicht, woher die Bezeichnung ‚Toleranz‘ stammt. ‚Toleranz‘ bedeutet ‚Duldung‘ und war zunächst die mühsame erkämpfte Errungenschaft europäischer Kulturen des 16. und 17. Jahrhunderts, darauf zu verzichten, andersgläubige Christen (und nicht die ganz anderen Anderen!) nur deswegen zu erschlagen, weil sie zufällig nicht gerade Katholiken, Protestanten, Reformierte oder Mitglied einer anderen christlichen Religionsgemeinschaft waren. Von der Verfolgung dieser benachbarten Anderen abzusehen, bedeutete aber noch keineswegs, sie in ihrer Andersartigkeit und mit ihrer Vielfalt willkommen zu heißen. Sie wurden geduldet, aber keineswegs der Mehrheitsgesellschaft gleichgestellt.

Sicherlich machte die Aufklärung des 18. Jahrhunderts in dieser Hinsicht Fortschritte. Die Judenemanzipation wird immer wieder als wichtiges Beispiel angeführt, dass es zumindest in manchen Staaten zu einer spürbaren Verbesserung der Lebenssituation jüdischer Gemeinden kam (auch wenn diese ‚Emanzipation‘ zumeist mit der Erwartung verbunden war, dass sich die Juden der christlichen Mehrheitsgesellschaft angleichen sollten).

Aber man darf nicht übersehen, mit welchen Widersprüchen das gesamte aufklärerische Projekt von vornherein behaftet war. Es war geprägt durch Exklusionsmechanismen, weil Frauen sowie Menschen ohne Eigentum von der politischen Partizipation ganz selbstverständlich ausgeschlossen wurden. Es war geprägt von Schizophrenien, wenn man sich beispielsweise den Mitautor der ersten Menschenrechtserklärungen (in den USA und in Frankreich), Thomas Jefferson, bei der Abfassung hochmögender aufklärerischer Ideen vorstellen muss, während er gleichzeitig auf seine von Sklaven bewirtschafteten Ländereien blickt. Es war geprägt von einer elitären Hochnäsigkeit, die alle Wissensformen, die nicht den Prinzipien der Rationalität zu entsprechen vermochten, ihre Wertigkeit absprach – unabhängig davon, welchen Wert die Menschen diesen (beispielsweise magischen) Wissensformen zumaßen. Und nicht zuletzt war es geprägt von einem Eigentumsdenken (wesentlich geprägt durch John Locke), das man üblicherweise nicht unmittelbar mit der Aufklärung in Verbindung bringt, das für sie aber von konstitutioneller Bedeutung war. Denn durch den Schutz des Eigentums sollte der Einzelne (und tatsächlich zunächst nur der männlich Einzelne) vor den absolutistischen Zugriffen der Obrigkeit gewahrt bleiben und sollte zugleich zur politischen Partizipation berechtigt sein. Ohne Eigentum, so der auch in der Französischen Revolution konsequent umgesetzte Umkehrschluss, gab es auch keine wirtschaftlichen oder politischen Einflussmöglichkeiten.

Diese Fetischisierung des Eigentums samt aller sich daraus ergebenden Konsequenzen gehört eben auch zu den europäischen, aufklärerischen Werten, die zur Verteidigung anstehen. Angesichts der umfassenden Ökonomisierung europäischer Kulturen, wie wir sie derzeit beobachten, könnte man sogar auf die Idee kommen, dass es vor allem das Eigentum ist, das es zu verteidigen gilt. So lassen sich beispielsweise Pegida-Demonstranten verstehen, die sich gegen eine angebliche Massenzuwanderung von Flüchtlingen wehren, weil „die uns ja alles wegnehmen“. So lassen sich auch AfD-Wähler verstehen, die sich gegen den bösen Euro und die europäischen Schuldenstaaten zur Wehr setzen. Und so lässt sich eine ziemlich breite ‚Mitte der Gesellschaft‘ verstehen, die recht konsensuell gegen Hartz IV-Empfänger und vermeintliche ‚Sozialschmarotzer‘ wettert.

Europa gegen sich selbst verteidigen

Was passiert aber mit denjenigen, die in diesem hübschen Europa mit seinen gepflegten europäischen Werten aufwachsen, dabei aber vor allem die andere Seite der Aufklärung zu spüren bekommen? Die feststellen müssen, dass Toleranz nur Duldung und nicht freundliche Aufnahme bedeutet? Die feststellen müssen, dass Inklusion nur von ihnen gefordert, ihnen aber nicht entgegengebracht wird? Die feststellen müssen, dass man an den europäischen Errungenschaften und hehren Idealen eigentlich nur dann teilnehmen kann, wenn man die Voraussetzung ausreichenden Eigentums mitbringt? Die feststellen müssen, dass sie aufgrund der ihnen beständig zugeschriebenen Andersartigkeit („Wo kommst du denn her?“) vor allem mit den Exklusionsmechanismen konfrontiert werden, welche der Rekurs auf die europäischen Werte bereithält? Die feststellen müssen, dass ihnen von oben herab regelmäßig bescheinigt wird, dass andere kulturelle Werte als irrational und minderwertig verurteilt werden? Könnte es nicht sein, dass gerade eine solche Begegnung mit europäischen Werten dazu führt, sich davon abzukehren und nach Alternativen zu suchen?

Das bedeutet nun im Umkehrschluss natürlich nicht, die Aufklärung und die Werte, die sich Europa so gerne auf seine Fahne schreibt, über Bord zu werfen. Aber notwendig wird es sein, das Paradox auszuhalten, das uns diese Werte mitgeben, indem man sie auf sich selbst anwendet und beständig hinterfragt. Dann ließe sich möglicherweise auch eine Universalie finden, auf die man sich verpflichten könnte und die nicht gar so exklusiv europäisch daherkäme und nicht nur eine Idee der Aufklärung wäre: nämlich das gute Leben, das jedem ermöglicht werden soll und niemandem verweigert werden darf. Dieses gute Leben frönt nicht dem Luxus westlicher Industriegesellschaften beim Blättern in Hochglanz-Lifestyle-Magazinen, sondern lässt sich bestimmen als das Bemühen, weltweit eine Grundsicherung zu gewährleisten, die Nahrung, Schutz vor Gewalt, Gesundheitsversorgung, Zugang zu Bildungseinrichtungen und Rechtssicherheit ebenso umfasst wie die Achtsamkeit auf und das Zusammenleben mit der nicht-menschlichen Welt (die weit mehr ist als nur ‚unsere Umwelt‘).

Wenn Europa solche Werte verteidigen will, dann muss es das nicht nur gegen eine Gefahr tun, die allzu voreilig in einem andersartigen Außen angesiedelt wird. Verteidigen muss Europa solche Werte dann nicht zuletzt gegen sich selbst.

Es war einmal in Rompizzeria lepanto

Konrad Adam war in Rom. Ist wohl schon ein paar Jahre her, aber aus halbwegs aktuellem Anlass scheint ihm diese Reise wieder in Erinnerung gerufen worden zu sein. Bei dieser Romreise besuchte er den Palazzo eines namentlich nicht genannten Marchese an der Piazza Navona. Der Palazzo beherbergt die Fahne, die Don Juan d’Austria während der Schlacht von Lepanto am 7. Oktober 1571 auf seinem Schiff mit sich führte. Lepanto! Welch‘ Triumph der Christenheit über die ‚ungläubigen Erzfeinde‘ aus dem Osmanischen Reich! Und die Fahne, die als Zeuge für diesen unübertrefflichen Sieg bürgt, hängt immer noch in einem römischen Palazzo! Und Konrad Adam hat sie gesehen! (Sie zu berühren wagte er nicht, der weinrote Brokat schien ihm zu brüchig.) All das weckte in ihm die Erinnerung an dieses große Ereignis, an die Seeschlacht am Golf von Patras, als sich das Osmanische Reich und die „Heilige Liga“ (Papst, Spanien, Venedig, Genua, Malteser, einige italienische Fürstentümer) ein blutiges Gemetzel lieferten. Dabei versuchte, wie Konrad Adam es beschreibt, die „türkische Flotte die Schiffe der Liga zu umfahren und ihnen in den Rücken zu kommen“ (wie hinterhältig!). Aber: „Das Manöver misslang, die christlichen Streitkräfte erwiesen sich als disziplinierter und stärker.“ (Hatten wir auch nicht anders erwartet.) „Die Türken verloren an die 180 Schiffe, die Liga nur zwölf.“ (Dem Herrn sei‘s getrommelt!) „Und sie befreite an die 12.000 christliche Galeerensklaven, die für die Türken hatten rudern müssen.“ (Gloria! Victoria!)

Verfehlter Geschichtsunterricht

Weder der Besuch in einem römischen Palazzo noch die Erinnerung an Lepanto würde irgendjemanden interessieren – wenn es nicht zufällig als Artikel auf Seite 2 der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung stünde und wenn der Verfasser nicht zufällig Bundessprecher der Partei „Alternative für Deutschland“ wäre. [1] Eben jener Konrad Adam erinnert uns am christlichen Sonntag in einer Sonntagszeitung daran, welche Bedeutung Lepanto doch einst für die Christenheit besessen hat. Fragt sich nur, warum diese Erinnerung ausgerechnet in dieser Zeit?

Vielleicht geht es um ein wenig Geschichtsunterricht? Der Frühneuzeitler in mir freut sich natürlich, wenn ein Ereignis aus dem 16. Jahrhundert einen prominenten Platz im Politikteil einer großen Sonntagszeitung bekommt. Derselbe Frühneuzeitler in mir ärgert sich aber maßlos, wenn dieses Ereignis in derart verkürzender bis verfälschender Weise für propagandistische Zwecke missbraucht wird, so als seien seither nicht über vier Jahrhunderte ins Land gezogen. Was historisch gesehen an Lepanto wirklich wichtig war, sind zwei Dinge: Erstens verlor das Osmanische Reich (und nicht „die Türken“, wie Adam unkorrekt immer wieder schreibt) seinen Nimbus der Unbesiegbarkeit. Das hat den europäischen Mächten damals sichtlich gut getan. Zweitens löste Lepanto in ganz Europa einen nachhaltigen Propagandakrieg gegen die Osmanen aus, der sich in zahlreichen Gemälden, Kapellen, Festen, Flugblättern usw. niederschlug. Darin wurden die göttliche Fügung des Geschehens und die Bedeutung des militärischen Schlags gegen den ‚ungläubigen Erzfeind‘ gebührend gefeiert. Es scheint fast so, als wollte Adam hier nahtlos anschließen.

Ansonsten ist aber vor allem interessant, was Adam alles auslässt. Er erwähnt zum Beispiel nicht, dass das Heilige (sic!) Römische Reich Deutscher Nation an der Heiligen (sic!) Liga herzlich wenig Interesse hatte, sondern lieber den Separatfrieden mit den Osmanen aufrechterhalten wollte. Er erwähnt auch nicht, dass Frankreich viel eher an einem Bündnis mit den Osmanen als mit dem Papst, mit Spanien oder den italienischen Staaten interessiert war. Er erwähnt auch nicht, dass die Heilige Liga 1573 schon wieder auseinanderbrach und Venedig einen Separatfrieden mit den Osmanen schloss – weil ihnen Geschäfte und Kooperationen wichtiger erschienen als kostspielige Kriegsführung. Er erwähnt auch nicht die zahlreichen Auseinandersetzungen, die das Zustandekommen der Liga im Vorfeld massiv erschwerten. Er erwähnt auch nicht, dass diese Niederlage die Osmanen nur kurz schwächte; die Flotte war im Nu wieder aufgebaut, so dass Voltaire in einer historischen Rückschau die Vermutung äußern konnte, Lepanto mute eher wie ein Sieg der Osmanen an. Und schließlich erwähnt er auch nicht, dass nicht nur in den Galeeren der Osmanen christliche Sklaven als Ruderer schuften mussten. Auch die Galeeren der Spanier, Venezianer, Genuesen, Malteser oder des Papstes bewegten sich überraschenderweise nicht mit Ökostrom vorwärts, sondern mit der (unfreiwilligen) Hilfe – tausender christlicher Galeerensklaven! Nicht selten handelte es sich um Strafgefangene, für die das Verbüßen ihrer Strafe auf einem solchen Schiff einem nahezu sicheren Todesurteil glich. Aber um solche historischen Differenzierungen muss sich Konrad Adam nicht kümmern, denn dadurch könnte die eigentliche Botschaft verwässert werden.

An die Ruderbänke!

Es geht also nicht um Geschichtsunterricht, es geht auch nicht um ein Jubiläum dieser Schlacht, das demnächst anstehen würde – man wird also nicht ganz fehlgehen, dahinter eine (partei-)politische Intention vermuten zu dürfen. Schade, dass sich die FAS für so etwas hergibt. Garniert wird der Artikel zu allem Überfluss auch noch mit einem Gemälde von Vassilacchi, das untertitelt ist als „Untergang des Morgenlandes“. Eine Einladung für die anstehenden Pegida-Demonstrationen, bei denen sich „Lepanto“ vielleicht als neuer Schlachtruf etablieren wird.

Der Artikel firmiert unter dem kaum missverständlichen Titel „Wie die Christen schon einmal die Türken schlugen“. Das ruft doch geradezu nach Wiederholung! Also ab in die Boote, ihr AfD-Wähler und Pegida-Anhänger, schlagt die ‚Ungläubigen‘, wo ihr sie trefft! Aber passt auf, dass ihr nicht unter Deck landet, angekettet an die Ruderbänke, während oben andere das Kommando führen …

Was lernen wir aus diesem ansonsten gänzlich zu vernachlässigenden Beitrag?

  1. Missbrauche nicht die Vergangenheit in vereinfachender und verfälschender Form für billige politische Anliegen der Gegenwart.
  2. Wenn du schon von dieser Vergangenheit erzählst, dann tue es in möglichst komplexer, möglichst zahlreiche Aspekte berücksichtigender Form.
  3. Wenn du schon einen Artikel schreibst, in dem billige Ressentiments gegen Andere bedient werden, dann schreibe wenigstens einen guten Artikel. Üble Beiträge mit üblen Inhalten sind eine doppelte Beleidigung.
  4. Wenn du etwas aus Lepanto lernen willst, dann lerne dies: Es ist wirklich für alle Beteiligten besser, auf gegenseitige Anerkennung und Zusammenarbeit zu setzen als auf gegenseitiges Abschlachten.

Muss man so etwas wirklich noch hinschreiben?

[1] Konrad Adam, Wie die Christen schon einmal die Türken schlugen. Die Seeschlacht von Lepanto ist über 400 Jahre her. Der AfD-Politiker Konrad Adam ruft die Erinnerung wach, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 4. Januar 2015, S. 2.

Märchenhafte ZeitenRückspiegel

Ein alter Mann erzählt ein Märchen (oder ist es vielleicht nur eine raunende Stimme, die von einem undefinierbaren Ort spricht und gerade deshalb so Ehrfurcht gebietend erscheint, weil sie nicht genau zu lokalisieren ist?), erzählt also ein Märchen von zwei Gruppen von Menschen, die friedlich, wenn auch mehr nebeneinander als miteinander lebten. Sie bewältigten ihren Alltag, überwanden Probleme, meisterten Schwierigkeiten und schlugen sich durchs Leben. Was Gruppen von Menschen eben so tun. Eines schönen Tages stellten sie jedoch fest, dass es bei allen Gemeinsamkeiten des Lebens und Überlebens einen gewichtigen Unterschied zwischen ihnen gab. Während die eine Gruppe nämlich den Eindruck hatte, dass sich in ihrem Leben alles beständig wiederhole, dass die Jahreszeiten wiederkehrten, dass Menschen geboren wurden und starben, um wiedergeboren zu werden und wieder zu sterben, und dass Feste immer zur gleichen Zeit gefeiert wurden, war die andere Gruppe davon überzeugt, dass alles immer anders wurde, dass sich die Dinge nie gleich blieben, dass der nächste Morgen immer ein neuer, nie da gewesener war, dass sie es mit immer neuen Jahreszeiten, Festen und Menschen zu tun hatten.

So entstand das Märchen von den Gesellschaften mit einem zirkulären und einem linearen Zeitmodell. Und wie bei allen Märchen, so mag es auch hier durchaus einen wahren Kern geben, aber eigentlich ist doch recht offensichtlich, dass dieses Märchen – wie alle Märchen – die Dinge wesentlich einfacher darstellt als sie sind. Sonst könnte das Märchen ja nicht so kurz und so einprägsam sein, sonst müsste es viel ausführlicher und komplizierter sein – und wäre dann wohl gar kein Märchen mehr.

Seltsamerweise erzählen sich aber gerade diejenigen Gruppen von Menschen, die sich selbst gerne als ‚modern‘ bezeichnen (was auch immer das sein mag), immer wieder solche Märchen, die darauf hinauslaufen, was sie doch von denjenigen Menschengruppen unterscheidet, die sie gern als ‚traditionell‘ oder ‚vormodern‘ bezeichnen. Traditionalität lässt sich auch übersetzen als ein Zustand des Noch-nicht. Die anderen sind eben noch nicht so weit wie wir, haben noch nicht den Entwicklungsstand erreicht, sind noch nicht zu den entscheidenden Erkenntnissen gelangt.

Die Zeit der Anderen

Ich weiß, sämtliche Formen des Eurozentrismus und der westlichen Selbstzuschreibung einer entwicklungsmäßigen Vormachtstellung sind schon längst entlarvt worden. Aber ich habe noch nicht den Eindruck, dass diese Einsicht schon durchgehend zu der Konsequenz geführt hätte, auf eine solche Haltung auch tatsächlich zu verzichten. Vor allem nicht in Bereichen, in denen man zunächst nicht unbedingt bemerkt, wie sehr man immer noch einem hierarchischen Entwicklungsmodell folgt, bei dem man auf einmal selbst – hups! – gänzlich unerwartet an der Spitze steht. Zeitmodelle sind ein Beispiel für solche unreflektiert mitgetragenen Unterscheidungsformen, die meistenteils auch nicht ohne eine Qualifizierung des Besseren und des Schlechteren auskommen. [1]

So genannten traditionalen Gesellschaften wird dann eben schnell unterstellt, sie würden ihre Zeitvorstellungen entsprechend ihrem ‚naturnahen‘ Leben ausrichten, während hochindustrialisierte oder spätkapitalistische oder wie auch immer zu bezeichnende Gesellschaften mit einem linearen Zeitmodell operierten, das an einer offenen Zukunft ausgerichtet sei. Womit wir wieder bei unserem Märchenonkel wären.

Wie sehr man mit einer solchen Vorstellung daneben liegen kann, lässt sich alljährlich im Dezember beobachten. Dann biegt sich nämlich die angeblich so linear ausgerichtete Zeitschiene der Modernen flugs in sich selbst zurück, um einen wunderschön geformten und vor allem flutlichtartig beleuchteten Zirkel zu bilden. Das Ganze hört dann auf den Namen ‚Jahresrückblick‘.

Der Sinn des Ganzen

Man muss ja zuweilen den Eindruck haben, dass die Monate Januar bis November nur existieren, um im abschließenden Jahresrückblicksmonat angemessen historisiert zu werden. Dann werden sie alle wieder hinter den Kulissen hervorgezogen: die Sporthelden und die Katastrophenopfer, die Erfolgreichen und die Hinterbliebenen, die Entscheidungsträger und die skurrilen Nebenfiguren. Das Publikum darf sich derweil gegenseitig der Erkenntnis versichern, wie schnell auch dieses gewesene Jahr vorüberzog und was in ihm nicht alles geschah. Also alles wie immer.

Und genau darauf scheint es ja anzukommen. Um eine wirkliche Historisierung, die diesen Namen verdienen würde, kann es kaum gehen. Denn erstens halten sich – Wunder über Wunder! – umfangreichere Transformationen nicht an die verhältnismäßig künstlichen Grenzen des menschlichen Kalenders, sondern sind auch mal so frei, sich mehr Zeit zu nehmen, als unsere mediale Aufmerksamkeitsspanne erübrigen kann. Und zweitens benötigen wir zuweilen einen gewissen zeitlichen Abstand, um Veränderungen in ihrer Bedeutung für uns beschreiben zu können – um diese Beschreibung dann mit einem noch größeren zeitlichen Abstand unter Umständen wieder zu variieren.

Der Jahresrückblick tut daher so, als würde er zu einer Historisierung beitragen, kann das aber aufgrund seiner kalendarischen Fixierung überhaupt nicht. Ein ganz simpler Beleg, dass und warum der Jahresrückblick an seinem eigenen Anspruch scheitern muss: Er kann immer nur elf Monate des Jahres berücksichtigen. Unabhängig davon, ob er als Unterhaltungsshow, Zeitungssonderbeilage oder Familienbrief daherkommt, für ihn darf im zwölften Monat nichts mehr passieren, sonst hätte man ja gar keine Zeit mehr, um jahresrückzublicken.

Was macht der Jahresrückblick aber dann, wenn er gar nicht Geschichte schreibt? Er dient unter anderem einer nostalgischen Grundstimmung, die dem Verlust des verflossenen Jahres ein wenig nachzutrauern vermag. Er dient aber noch stärker der Sinngebung des Sinnlosen [2], indem er dort eine Einheit zu stiften versucht, wo sich zunächst einmal nicht sehr viel anderes findet, als ein an bestimmten Strukturen und natürlichen Erscheinungen orientiertes System, um Zeit zu messen, zu zählen und zu benennen. Zum Jahresende ist nichts anderes geschehen, als dass die Erde eine weitere Rundreise um die Sonne erfolgreich absolviert hat. Herzlichen Glückwunsch dazu! Daraus aber gleich die Schlussfolgerung zu ziehen, dieser planetarischen Bewegung müsse das Sinnganze und der Sinninhalt eines Jahres entsprechen, ist nur mal wieder ein weiterer Beleg für die Unfähigkeit des Menschen, die eigene Anthropozentrik zu überwinden. Irgendwie scheint sich alles immer um uns zu drehen (und nicht um die Sonne). Und damit wären wir doch wieder ganz in der Nähe der vermeintlich traditionalistischen und naturverhafteten Menschengruppen, die angeblich einem zirkulären Geschichtsbild anhängen. Das sind nämlich wir selbst (wenn auch nicht ausschließlich; genauso wie ‚die Anderen‘ nicht ausschließlich das sind, was wir ihnen unterstellen).

Annalistische Revisionen

Der Sinn eines vergangenen Jahres, wie er in vielen Rückblicken präsentiert wird, kann dabei nicht irgendeiner sein. Man wird leider verhältnismäßig wenige Beispiele dieser Gattung finden, bei denen die Rückblickenden feststellen, dass das vergangene Jahr leider völlig sinnlos gewesen sei. Lackmustest für solche annalistischen Revisionen kann daher die Frage sein, wie viele Gescheiterte, Verlierer oder Verurteilte dort üblicherweise Erwähnung finden. Meistens treten sie eher selten in Erscheinung, schließlich könnten sie die angestrengte und anstrengende Sinnsuche mit irritierenden Störsignalen befeuern.

Die Funktion von Jahresrückblicken besteht aber offensichtlich darin, genau die richtige Balance zwischen Nostalgie und Aufbruchswillen, zwischen Trennungsschmerz und Sinnhaftigkeit zu erzeugen, um auch das nächste Jahr beschwingt angehen zu können. Mit Karnevalsweisheiten wie „Et hätt noch emmer joot jejange“ kann man dann auch die neuralgische Schwelle ins neue Jahr überwinden. Ist überlebenstechnisch sicherlich auch ein ganz hilfreicher Kniff, sich nicht beständig an Niederlagen und Nackenschläge zu erinnern. Schließlich muss man einen Grund haben, um im nächsten Jahr weiterzumachen. Und mit einer solchen Einstellung lässt sich sogar der nächste Jahresrückblick irgendwie ertragen.

Aber man darf die sich selbst verstärkende Rückkopplungsschleife nicht übersehen, in die wir uns mit dieser Jahresfixierung hineinbegeben. Selbst wenn ‚das Jahr‘ als zeitliche Einheit an sich keinen Sinn transportiert, verhalten wir uns doch alle bewusst oder unbewusst so, als besäße es einen inhärenten Sinn – und flugs bekommt es auch einen. Es ist wie mit des Kaisers neuen Kleidern. Wenn alle davon überzeugt sind, dass man auf ein Jahr als ein Sinnganzes zurückblicken kann, dann ist das Jahr so unverfroren und bekommt tatsächlich einen. Schließlich mache auch ich hier nichts anderes, als jahresrückblickend auf Jahresrückblicke zurück zu blicken.

 

[1] Johannes Fabian: Time and the other. How anthropology makes its object, New York 1983.

[2] Theodor Lessing, Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen, München 1983

%d Bloggern gefällt das: