Archive für Kategorie: Geschichte und Wirklichkeit

Vor kurzem begonnen, hier nun weitergeführt: das Lexikon historischer Floskeln und Allgemeinplätze.make history (topeka library)

Das wird Geschichte machen!

Nein, wird es nicht! Es wird auch nicht Geschichte schreiben oder wie sonstige alternative Formulierungen dafür auch immer lauten mögen. Wer oder was die Geschichte „macht“, würde sicherlich einer etwas ausführlicheren Erörterung bedürfen. Man kann aber mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, dass Geschichtemachen nicht wie Kuchenbacken funktioniert. Jetzt wird Kuchen gebacken! – eine solche Aussage darf man, in Abhängigkeit von der Seriosität der Sprechenden, als durchaus ernsthafte Ankündigung verstehen, deren Erfüllung in der Zukunft (falls überhaupt) üblicherweise nur Unwesentliches im Weg steht. Bei der Aussage, etwas werde Geschichte machen, ist die temporale Relationierung etwas komplizierter. Immerhin versucht man damit, in der Gegenwart eine zukünftige Vergangenheit zu bestimmen. Man möchte also den Nachfahren vorsichtshalber schon einmal vorschreiben, welche Geschichte sie zu erzählen haben werden. Das wird nur in Ausnahmefällen funktionieren. Denn entweder erweist sich vermeintlich Epochemachendes für die Nachgeborenen als irrelevant – oder sie machen es tatsächlich zu einem Teil ihrer Geschichte, dann aber, weil sie sich dazu entschieden haben, und nicht weil es von welchen Vorfahren auch immer dekretiert wurde.

Zugegeben, die Chance aktuelle Ereignisse als „historisch“ einstufen zu können, wächst mit der diskursiven Macht der Sprecher/innen. Bestimmte Aussagen sind schwerer zu überhören als andere. Aber auch mit einer hinreichenden Menge an Machtfülle gibt es keine Erfüllungsgarantie.

Steht nur noch die Frage im Raum, wann diese Unsitte, ja eigentlich arrogante Attitüde ihren Anfang genommen hat, in der Gegenwart bereits die Geschichte von morgen festlegen zu wollen. Eine mögliche Antwort betrifft einen üblichen Verdächtigen: Als Goethe am 20. September 1792 bei der Kanonade von Valmy zugegen war, bei der die französische Revolutionsarmee sich gegen Preußen durchsetzen konnte, soll er bekanntlich gesagt haben, dass von diesem Ereignis eine neue Epoche der Weltgeschichte ausgehen werde und die Anwesenden später einmal sagen  könnten, sie seien dabei gewesen. So behauptete er zumindest später. Denn dass er sein „Das wird Geschichte machen!“ bei dieser Gelegenheit gesagt haben soll, dokumentierte er selbst erst Jahrzehnte später, als er um 1820 seine „Kampagne in Frankreich“ schrieb. Die Moral von der Geschicht‘? Was morgen gestern sein wird, wissen wir heut‘ noch nicht.

In die Geschichte eingehen

Hängt ganz eng mit dem Geschichtemachen und Geschichteschreiben zusammen, ist aber aufgrund der zumeist passivischen Verwendung – etwas wird in die Geschichte eingehen – anders gelagert. Spricht man davon, dass etwas Geschichte machen werde, präsentiert sich diese „Geschichte“ als ein weißes, noch zu beschreibendes Blatt Papier, für das aber die Arbeitsnotizen bereits hier und heute gesammelt werden. Wenn jemand oder etwas jedoch in die Geschichte eingehen soll, dann scheint es sich bei dieser „Geschichte“ eher um einen exklusiven Klub zu handeln, zu dem nun wahrlich nicht jeder und alles Zutritt hat. Die Einlassbedingungen sind streng, aber hat man es erst einmal am Türsteher vorbei geschafft, darf man sich der Unsterblichkeit erfreuen – zumindest im angenommenen Gedächtnis der Nachgeborenen. Eine Unsterblichkeit allerdings mit häufig begrenztem Haltbarkeitsdatum. Man wird aus diesem Klub üblicherweise nicht mit großem Tamtam rausgeschmissen, man kann seine Mitgliedschaft aber durch ein leise dahindämmerndes Vergessen verlieren. Das wäre dann der Moment, in dem die nächste Floskel zum Einsatz kommen kann: „Das ist Geschichte!“

Die „Geschichte“, in die etwas eingehen soll, gemahnt an einen Aufbewahrungsort toter Wirklichkeiten, an eine Lagerhalle vergangenen Geschehens, in der man verstauen kann, was man aktuell nicht mehr benötigt, das sich aber aus Gründen der Bildung, Selbstvergewisserung und Identitätsbildung vielleicht noch einmal verwenden lässt. Eine solche Geschichte ist tote Geschichte. Sie entspricht der Art und Weise, wie nicht wenige Museumsbesucher mit diesen Containern des Gestern umgehen: Eine gewisse Bildungsbeflissenheit oder der schiere Zwang (Stichwort: Schulausflug) nötigen einen dazu, entsprechende Einrichtungen zu besuchen – aber mit dem eigenen Leben hat das wenig bis gar nichts zu tun. Wenn in einer Kultur die dominierende Auffassung von Geschichte darauf hinausläuft, dass es sich nur um das tote Gestern anstatt um die recht lebendige Anordnung unterschiedlicher Zeiten im Hier und Heute handelt, dann dürfte diese Kultur ein Problem haben.

Das ist der Lauf der Geschichte

Einspruch! Ist er nicht! Man kann im mehr oder minder akademischen Gerede und Geschreibe über das Historische so oft und so viel gegen die Zielgerichtetheit des historischen Prozesses (auch noch im Singular!) anschreiben wie man möchte, die Teleologie scheint einfach nicht auszurotten zu sein. Wohlgemerkt, damit sollen bei weitem nicht nur diejenigen angesprochen sein, die unbeleckt von tiefergehenden geschichtstheoretischen Weihen davon ausgehen, es gebe einen Sinn und ein Ziel der Geschichte, sondern vor allem diejenigen, die es eigentlich besser wissen sollten, aber von solchen Floskeln weiterhin fröhlich Gebrauch machen.

Hatten wir schon „die Geschichte“ als unbeschriebenes Blatt Papier und als exklusiven Klub, dann erweist sich „der Lauf der Geschichte“ als eine Fortbewegung auf Eisenbahnschienen. Es gibt gewisse historische Gesetzmäßigkeiten, so lässt sich dieser Ausspruch verstehen, die ein Ausscheren nach rechts oder links nicht vorsehen. Der historische Weg zum Zielbahnhof wird auf diese Weise zum Schicksal erhoben, denn ist der Fahrschein erst einmal gelöst, kann man nicht mal eben die Fahrtrichtung ändern. Ungewiss ist dann höchstens noch – ganz wie bei der Deutschen Bahn – wann der Zug tatsächlich einläuft.

Solche Formulierungen mögen durchaus nachvollziehbar, weil unmittelbar einsichtig sein, sie lassen im Zusammenhang einer Untersuchung historischer Floskeln aber vor allem Rückschlüsse auf das dahinter liegende Zeitmodell zu. Und wie schon im ersten Teil des Histofloxikons festgestellt, wird vielfach immer noch von temporalen Vorstellungen ausgegangen, die dem Zeitstrahl entsprechen. Durchaus naheliegend, auf diesem Strahl einen Lauf der Geschichte zu vermuten oder dort Schienen zu verlegen und irgendwo ein – wenn auch unvorstellbar weit entferntes – Ziel anzunehmen. Selbst wenn dieses Ziel nicht mehr heilsgeschichtlich verbürgt ist, so gibt es doch ausreichend säkularisierte Alternativen, welche die Funktion des einstigen christlichen Paradieses übernommen haben (Kommunismus, Weltfrieden, Wohlstand für alle).

Wenn man nun die ketzerische Frage stellte, was mit einer Welt denn weiter geschehen solle, in der tatsächlich der utopische Zustand erreicht wäre, dass alle in Sicherheit und Zufriedenheit leben würden, so könnte das zu (mindestens) zwei Reaktionen führen: entweder läge der Vorwurf des blanken Zynismus nahe oder man sollte beginnen, ganz grundsätzlich das eigene/vorherrschende Zeitmodell zu überdenken.

RitterSie hat schon einige Tage auf dem Buckel, die berühmte, vielleicht sogar berüchtigte Sapir-Whorf-Hypothese vom linguistischen Relativismus (wahlweise auch Determinismus). Und wahrscheinlich muss man diese Debatte nicht gesondert bemühen, um zu der Einsicht zu gelangen, dass Sprechen, Denken und Wirklichkeit irgendwie miteinander zusammenhängen. Eine verflixt komplizierte Beziehung ist das. Aber keine Sorge, ich werde mich nicht anheischig machen, diese Dreiecksgeschichte hier mal eben klären zu wollen. Vielmehr soll dieser Hinweis nichts anderes sein als eben das: ein Hinweis. Und zwar um auf einen Problemzusammenhang aufmerksam zu machen, der uns tagtäglich begegnet (Von wegen: „Die Sonne geht auf“). Vergangene Zustände sind ja in einem besonderen Maße dafür anfällig, durch sprachliche Anordnung überhaupt erst geformt zu werden, schließlich sind sie vergangen, stehen also nicht mehr anders als sprachlich (oder sonstwie zeichenförmig) zur Verfügung. Und ungefähr das wollten Sapir und Whorf wohl zum Ausdruck bringen, dass die Art und Weise, wie wir über die Dinge sprechen, unser Denken über diese Dinge prägt. Die wissenschaftliche Diskussion beharrt zwar zurecht darauf, dass die Verhältnisse etwas komplizierter sind als in der angenommenen Einbahnstraße von „Sprache prägt Denken“. Aber dass die Diskussion immer noch geführt wird, ist schon wieder ein Hinweis: dass an diesem Problem nämlich etwas dran ist.

Mir gibt das die Möglichkeit, ein kleines lexikalisches Vorhaben in einen viel zu großen Zusammenhang einzuordnen, einer kleinen Spielerei einen ungemein schweren, goldenen Rahmen umzuhängen. Man könnte das Ganze bezeichnen als Histofloxikon: das Lexikon historischer Floskeln und Allgemeinplätze. Nicht sehr viel mehr als eine gänzlich unsystematische Sammlung einiger Alltagsweisheiten, die in Bezug auf Vergangenheit und Geschichte immer wieder Verwendung finden und offensichtlich nicht auszurotten sind. Zugleich aber Formeln, die unser Denken über Geschichte und Vergangenheit zu einem erheblichen Grad prägen und bei unreflektierter, allzu häufiger Verwendung zu nicht geringen Schwierigkeiten führen können. Auf Risiken und Nebenwirkungen ist im Folgenden einzugehen.

Sich in die Geschichte hineinversetzen

Eine meiner Lieblingsfloskeln. Üblicherweise vermeide ich es in der Begegnung mit anderen Menschen, meine akademische Spezialisierung allzu offensiv zu verlautbaren, um genau diesem Satz zu entgehen. Gelingt leider nicht immer. In einem Gespräch insistierte einmal ein behandelnder Arzt auf genauere Kenntnis meiner wissenschaftlichen Profession. Auf das Bekenntnis hin, dass ich Historiker sei, folgte eine kurze Pause, ein tiefes Durchatmen und ein (verschämter? irritierter? nachdenklicher? gar neidischer?) Blick zu Boden. Dann mir wieder ins Gesicht gesehen und die Frage gestellt, die mich sprachlos machte: Ob ich denn dann noch so viel mit dieser Welt zu tun hätte?

Nein! Natürlich nicht! Denn als professioneller Temponaut ziehe ich mir üblicherweise morgens nach dem Frühstück meinen Zeitanzug an (während sich Astronauten in einen Raumanzug zwängen müssen), um mit meiner Zeitmaschine in mein derzeitiges Arbeits- und Beobachtungsfeld der Vergangenheit hinabzugleiten. Beam me back, Scotty! Pünktlich zum Abendessen bin ich wieder zurück.

Wenn auch nicht gar so naiv, aber eine gewisse Form der Gegenwartsentrücktheit wird historisch arbeitenden Menschen mit schöner Regelmäßigkeit unterstellt. Viel schlimmer aber ist, dass im Alltagsverständnis nicht selten von der Beschäftigung mit der Geschichte eben eine solche Zeitentrückung erwartet und erhofft wird. Dann kommen sie zum Einsatz, diese bedenklichen Floskeln vom Hineinversetzen oder gar Sich-Versenken in vergangene Zustände.

Die Zeitmaschinenvorstellung ist im Zusammenhang mit historischem Arbeiten nicht auszurotten. Unsere unzureichende Vorstellung von „der Zeit“ als einer unilinearen Dimension, auf der man zumindest theoretisch hinauf- und hinabgleiten könne, nährt bis zum heutigen Tag die Illusion, dass die Konstruktion einer Zeitmaschine nur ein technisches Problem sei. Aber wenn das erst einmal gelöst wäre … Bis dahin müssen wir uns eben mit den zweitbesten Lösungen zufriedengeben, können Mittelaltermärkte veranstalten, historische Schlachten nachstellen, können uns in abgrundtief schlechten historischen Romanen dem „Strudel der Ereignisse“ hingeben oder in Fernseh-Doku-Fictions Geschichte „wieder lebendig“ werden lassen. Die Auseinandersetzung mit anderen Zeiten verkommt solcherart zum historischen Disney-Park und verzichtet auf jegliche Form der Kritik. Warum man sich aber nicht in die Vergangenheit hineinversetzen kann, mag eine andere Floskel verdeutlichen.

Einen Blick in die Vergangenheit werfen

Das ist abgemilderte Version des Zurückbeamens in die Historie: Man will nicht mehr selbst im Gestern anwesend sein (da warten ja Schmutz, Krankheiten, lebensbedrohliche Gefahren und schlechte Umgangsformen – kennt man ja aus den „lebendig erzählten“ Historienfilmen), man möchte nur einen kurzen Blick durch den Türspalt der Zeiten wagen. Die Vergangenheit wird auf diese Weise zum problemlos beobachtbaren Gestern, zum zeitlichen Nachbarn von Gegenüber, bei dem man mal eben schnell vorbeischauen könnte, um zu sehen, wie es denn damals so war. Anstatt über die Straße zu gehen, konsultiert man die „Quellen“ (eine weitere, höchst problematische Metapher), um etwas über die Vergangenheit zu erfahren.

Aber die erkenntniskritische Frage sei erlaubt, ob wir durch das historisch überlieferte Material hindurchsehen, um einen Blick in die Vergangenheit zu erhaschen, oder ob uns der Blick auf das alte Papier (oder Bild oder Objekt) nicht in der Gegenwart festhält, um die Frage zu provozieren, welche Relationen dieses überlieferte Material mit einer jeweiligen Gegenwart eingeht.

Man kann die Sache auch etwas kosmischer angehen: Es wird zuweilen behauptet, die einzige Möglichkeit, um der Vergangenheit tatsächlich ansichtig zu werden, sei ein Blick in den nächtlichen Sternenhimmel. Denn bekanntermaßen sehen wir dort oben nicht den gegenwärtigen Zustand des Universums, sondern nur das Licht, das seit unvorstellbar langer Zeit unterwegs ist, um uns von Sternen zu künden, die möglicherweise überhaupt nicht mehr existieren. Also sehen wir dort die Vergangenheit. Tatsächlich? Auch hier sollte man etwas genauer sein. Zunächst einmal sehen wir dort Licht sehr unterschiedlichen Alters, weil das Licht des Mondes nur wenige Sekunden, das Licht der Sonne wenige Minuten, das Licht des Andromeda-Nebels aber mehrere Millionen Jahre alt braucht, um bei uns einzutreffen. All diese verschiedenen Lichtzustände kommen in unserer Gegenwart, und nur in unserer Gegenwart in genau der gegebenen Form zusammen, um ein buntes, temporales Durcheinander zu ergeben, das unser Hier und Jetzt prägt. Sodann sollte man auch die Bewegungsrichtung nicht außer Acht lassen, mit der wir es zu tun haben. Denn nicht wir werfen unseren Blick zu den Sternen, sondern deren Licht kommt zu uns. Wir blicken also nicht in die Vergangenheit, sondern müssen warten, bis diese Vergangenheit uns erreicht, um unser gegenwärtiges Bild vom Sternenhimmel zu konstituieren. Schließlich und endlich haben wir es mit dem Licht als einem Medium zu tun, das Informationen über vergangene Zustände von anderen Sternen transportiert, das aber nicht „die Vergangenheit selbst“ ist.

Nicht anders sieht es mit historischen Dokumenten aus, die auf sehr unterschiedliche Art und Weise daran beteiligt sind, die temporale Verweisstruktur unserer Gegenwart zu konstituieren. Dieses historische Material haben wir nicht aus der Vergangenheit geholt, sondern es ist in unserer Gegenwart übriggeblieben, und es trägt als medialer Träger dazu bei, Relationen einer Gegenwart zu ihren Vergangenheiten zu ermöglichen, ohne „die Vergangenheit“ zu sein.

To be continued …

 

back-dir-deine-welt-ausstechformen-berlin_0Schon seit Wochen begeistert sich das Feuilleton für die Frage, warum es die Welt nicht gibt. Autor des gleichnamigen Buchs ist Markus Gabriel, bei dessen Vorstellung immer wieder drauf hingewiesen wird, wie jung, polyglott und international renommiert er ist. Und jetzt auch noch ein Buch, bei dem sich alle freuen, dass es keine Richard-David-Precht-Philosophiepampe ist, sondern ernsthaftes Nachdenken, das trotzdem nachvollziehbar bleibt und es sogar in die Spiegel-Bestseller-Liste schafft.

Wie sieht es da aus, wenn ein bereits mittelalter, nicht ganz so vielsprachiger und weniger ins Ausland eingeladener Mensch, der es wohl nie auf irgendeine Bestseller-Liste schaffen wird, an diesem Buch rumzumäkeln versucht? Nicht gut. Da kann man nur verlieren. Aber wie mir einer meiner Sportlehrer durchaus mal hätte sagen dürfen (es aber bedauerlicherweise niemals getan hat): Besser verlieren als gar nicht mitspielen. (Stattdessen gab es faschistoide Sportlehrersprüche wie: „Was nicht tötet, härtet ab.“ Nun ja …).

Ich baue einfach darauf, dass dieser Beitrag zum Ausklang der Sommerferien erscheint, wenn noch alles am Strand liegt und niemand Blogs liest. Nichts weiter als ein kurzes Knacken im Netzrauschen.

Der Zusammenhang aller Zusammenhänge

Da das hier keine Rezension wird, muss ich Gottseidank auch keinen systematischen Gang durch die Argumentation des Buchs unternehmen. Da gibt es viel Kluges und Erfreuliches, nicht zuletzt die Tatsache, dass es offensichtlich für eine gehörige Portion Menschen einen Anlass darstellt, sich mal wieder (oder überhaupt erstmals) auf erkenntnistheoretische Fragen einzulassen. Aber es gibt auch Ärgerliches, und das betrifft nicht zuletzt die grundlegenden Thesen dieses Buchs.

Ich lasse an dieser Stelle einmal den Umstand beiseite, dass Postmoderne und Konstruktivismus von Gabriel als ziemlich inhaltsleere Pappkameraden aufgebaut werden („Alles Illusion!“ – so soll der Konstruktivismus angeblich behaupten), um sie mit einem lässigen Fingerschnipsen von der Bühne zu befördern; oder dass es in der Argumentation auch einige interne Widersprüche gibt; oder dass es elend schlecht ist, den großen Richard Rorty als „elend schlechten Philosophen“ zu bezeichnen. Nein, gehen wir gleich aufs große Ganze, weil sich hier unter Umständen ja auch erweisen kann, welche Bedeutung diese Überlegungen für die Geschichte haben kann – und umgekehrt.

Die zentrale These steckt bereits im Titel: Die Welt als das alles Umfassende, als den Zusammenhang aller Zusammenhänge gibt es nicht. Was es stattdessen gibt, ist eine Vielzahl kleiner Welten, die nebeneinander existieren, sind so genannte „Sinnfelder“, in denen uns diese Welten erscheinen und mit denen wir umgehen. Insgesamt hört dieser Ansatz auf den Namen „Neuer Realismus“. Genau genommen wartet dieser „Neue Realismus“ weniger mit einer These, sondern vor allem mit einer Behauptung auf – dass es „die Welt“ nämlich nicht gibt (alles andere aber schon). Warum es „die Welt“ nicht geben soll, wird weder begründet noch argumentativ hergeleitet, sondern schlicht konstatiert. Punkt. Nur: Wenn es die Welt nicht gibt, wie kann Gabriel dann darüber reden, dass es sie nicht gibt?

Unverständliches Weltverbot

Bereits hier – und wir sind eigentlich erst am Anfang des Buchs – wird es meines Erachtens seltsam. Erstens verstehe ich nicht, warum es die Welt nicht geben darf. Es mag ja durchaus sein, dass ein solcher Zugang hilfreich sein könnte, aber dann hätte ich dafür bitte auch eine anständige Begründung. Sich den allumfassenden Zusammenhang aller Zusammenhänge vorzustellen, erfordert fraglos einiges Abstraktionsvermögen – das gilt aber ebenso für die von Gabriel angeführten Sinnfelder, sagen wir einmal: Wirtschaft oder Gesellschaft oder Politik. Die sind zwar nicht „die Welt“, sind deswegen aber keineswegs besser zu handhaben. Zweitens ist es seltsam, warum es in Gabriels Argumentationszusammenhang etwas nicht geben soll, wovon er selbst so viel Worte macht. Er redet die ganze Zeit von der Welt, die es nicht gibt – wie aber soll das möglich sein, wenn es sie nicht gibt? Alles soll es geben, selbst Einhörner auf der Rückseite des Mondes, nur die arme Welt darf es nicht mehr geben. Was aber, wenn das der Welt ziemlich egal wäre? Er bemüht sich so intensiv darum, etwas zu zertrümmern, worüber wir uns offensichtlich verständigen können (ansonsten könnten wir nicht darüber reden), dass man sich irgendwann zwangsläufig fragen muss, wozu der ganze Aufwand eigentlich gut sein soll. Da kommt eine schnittige Behauptung daher, die zunächst vielleicht viel Staub aufwirbeln mag, die schlussendlich aber wenig mehr als warme Luft ist – und mehr braucht man ja auch nicht zum Staubaufwirbeln.

Zeitmangel, Menschmangel

Auffallender Weise fehlen dieser Welt, die es nicht geben darf, zwei Dinge, die ich für nicht ganz unwichtig halte: Menschen und Zeit. Denn, wie Gabriel auch selbst öfter unterstreicht, die Tatsachen der Welt sind gegeben, sind Tatsachen an sich (S. 59),  da muss man nicht groß rumdiskutieren, ansonsten wären wir ja auch schon in der Nähe des Konstruktivismus, den er zu scheuen scheint wie der Teufel das Weihwasser. Auch ist die Welt (von der Gabriel selbst immer wieder spricht, obwohl es sie nicht geben darf, z.B. S. 62) in verschiedene Bereiche eingeteilt, in Gegenstandsbereiche oder Sinnfelder. Aber offensichtlich scheint niemand diese Kategorisierung vorgenommen zu haben, sie ist schlicht gegeben – auch wenn man sich damit in gefährliche Nähe eines biblischen Schöpfungsaktes begibt. Nur wird dadurch die Welt, die es nicht geben darf (und von der man dann auch gar nicht mehr weiß, wie man sie bezeichnen soll), seltsam steril. Da ist niemand, der irgendetwas tut, und da ist auch gar nichts, was sich verändern könnte. Das merkt man an den wenigen historischen Ausflügen, die Gabriel unternimmt. So behauptet er beispielsweise, dass es sich bei frühneuzeitlichen Hexendiskursen um „Geschwätz“ handele, weil es keine „Gegenstandsbereiche“, sondern nur „Redebereiche“ seien. Dementsprechend enthielten historische Texte über Hexen auch kein Wissen, weil es Hexen ja nicht gebe (S. 53). In der Logik einer Welt, die auf radikale Eindeutigkeit aus ist, mag das funktionieren. Man frage aber einmal die Menschen, die als Hexen verbrannt worden sind, von Hexen verzaubert wurden oder Hexen verurteilt haben, ob sie ebenso davon überzeugt waren, dass es sich nur um „Geschwätz“ handelte.

Gabriel steht, wie an vielen Stellen deutlich wird, in der Tradition der analytischen Philosophie, und vertritt in deren Gefolge offensichtlich die Vorstellung, dass es eine (und zwar nur eine) mögliche Weltdeutung geben müsse, die man mit den entsprechenden (wissenschaftlichen) Methoden ausfindig machen kann. Das bedeutet aber, dass in dieser Welt nicht nur keine Menschen mit all ihren Eigensinnigkeiten vorkommen, sondern dass diese Welt auch keine Geschichte haben darf (oder dass diese Geschichte zumindest bald an ein Ende kommen muss), um den Veränderungen der Weltdeutung (oh, Entschuldigung, schon wieder von „Welt“ gesprochen) eine Ende zu setzen. Hier scheint eine seltsame Verkehrung vonstatten zu gehen: Die Wissenschaft ist nicht mehr dazu da, um Wirklichkeit besser verstehen zu können, sondern die Wirklichkeit hat sich gefälligst nach den Vorgaben der Wissenschaft zu richten.

Theorieunfähigkeit

Ich habe demgegenüber den schweren Verdacht, dass die Welt (oder die Wirklichkeit oder die Realität oder wie man dieses Ding auch immer bezeichnen will, selbst wenn man es nicht mehr bezeichnen darf) nicht theoriefähig ist. Zumindest nicht mit unseren bescheidenen Mitteln. Die Welt (jawohl, genau die) ist zu komplex, um in ein paar abstrakte Sätze gepackt zu werden, die sich auf einer übersichtlichen Anzahl von Seiten zwischen zwei Buchdeckel klemmen lassen. Gut, dieses Argument ließe sich leicht gegen mich selbst wenden, weil es nur belegt, dass meine eigenen bescheidenen Kompetenzen einfach nicht ausreichen, um eine solche Theorie zu erkennen, geschweige denn selbst zu formulieren (was ich sofort eingestehe).

Aber ich hätte noch zwei kleine empirische Befunde, die nach meinem Dafürhalten die Theorieresistenz der Wirklichkeit unterstreichen können. Erstens ist es bisher noch keinem theoretischen Entwurf gelungen, eine hinreichend zufriedenstellende Fassung der Welt zu präsentieren, denn ansonsten müssten wir ja nicht immer wieder neue Anläufe dazu nehmen. Und dass diese Letztbeschreibung noch nicht gelungen ist, ist auch gut so, denn ansonsten wären Herr Gabriel und ich und eine Unmenge anderer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler arbeitslos. Stattdessen lässt man uns weiter fahnden nach der Welt, die es gibt oder auch nicht.

Die einzige Art, die ich mir vorstellen kann, um Welt und Wirklichkeit in einem immer unzureichenden Sinn fassbar zu machen, ist die erzählende. Ein Grund, warum ich mit meiner Berufswahl als Historiker immer noch ganz zufrieden bin.

[Markus Gabriel: Warum es die Welt nicht gibt, Berlin 2013]

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