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Zuweilen lohnt es sich, etwas genauer auf die Wahl der eigenen Worte zu achten. Auch wenn sich allenthalben kritische Stimmen vernehmen lassen, die vor den Auswirkungen einer allzu großen Fortschrittsgläubigkeit warnen, offenbart mitunter selbst die Wortwahl solcher kritisch gestimmter Menschen, wie sehr sie schon vom Virus der Ökonomisierung und Selbstoptimierung infiziert sind. Ein Indiz dafür ist die Verwendung von Worten, die sich im Umfeld des Ausdrucks ‚Perfektion‘ tummeln. Wie selbstverständlich ist dieses Gerede geworden. Da soll die Karriere, die Beziehung und sowieso die ganze Einstellung perfekt sein, da preist die Werbung das perfekte Makeup, das perfekte Auto oder die perfekte Matratze an, und auch in den eigenen vier Wänden muss das perfekte Essen auf den Tisch, die perfekte Inneinrichtung her oder das perfekte Dinner gelingen.

All das lässt sich leichthin als oberflächliches Wortgeklingel identifizieren. Im jeweiligen Fall auf den Zahn gefühlt, würde sich wohl recht schnell herausstellen, dass dieses Perfektionsgerede von keiner Seite, weder vom alltäglichen Sprachgebrauch noch von der Werbewirtschaft, wirklich wörtlich gemeint ist. Von der Vollkommenheit wissen wir uns doch einigermaßen weit entfernt.

Aber abgesehen von der Frage, warum wir immer wieder so selbstentlarvend von der Perfektion reden, wohl wissend, dass sie nicht erreicht werden kann, ist vornehmlich der zeitliche Aspekt dieser Angelegenheit von Interesse. Denn das Perfekte ist ja nicht nur das Vollkommene, sondern es ist auch das zeitlich Abgeschlossene. Ersteres lässt sich nur aus Letzterem ableiten. Davon auszugehen oder zu behaupten, etwas sei ‚perfekt‘, setzt ja notwendigerweise voraus, dass es nicht mehr zu verbessern und daher auch nicht mehr zu verändern sei. Perfektion stellt die Zeit still und setzt den Wandel aus. Nichts anderes will das grammatikalische Perfekt sagen, das die Aufgabe hat, genau diesen Zustand der Abgeschlossenheit einer Entwicklung zum Ausdruck zu bringen.

Perfekt war gestern

Damit schleppt die ganze Perfektionsrhetorik unversehens ein Zeit- und Vergangenheitsmodell mit sich herum, das so gar nicht zu den Zukunfts- und Fortschrittsmodellen passen will, die sich genau mit dieser Rede von der Perfektion immer wieder verbinden (so abgewrackt diese auch sein mögen). Denn die ‚Perfektion‘ der Alltagssprache geht im Sinne entsprechender Optimierungsmodelle ja immer noch davon aus, dass das Perfekte erst noch zu erreichen sei – und ist dieser Zustand erst einmal hergestellt, dann, ja dann wird endlich alles, alles gut. Dabei schlummern im Herzen der Perfektionsansprüche sehr rückwärtsgewandte temporale Orientierungen, die solche Vollkommenheitsvorstellungen überhaupt erst ermöglichen. Dass das Perfekte auch das zeitlich Abgeschlossene und damit historisch hinter einem Liegende (und nicht erst noch zu Erwartende) sei, das ist nun selbst wiederum eine sehr alte Vorstellung. Sie lässt sich im Prinzip in Verbindung bringen mit all den historischen Modellen, die im Vergangenen immer das Bessere gesehen haben. Das Perfekte ist eben deswegen perfekt, weil es schon einmal perfekt war, nicht erst perfekt werden muss. Es ist also nicht verwunderlich, dass wir das gleiche Wort für Vollkommenheit und für die grammatikalische Form einer abgeschlossenen Handlung in der Vergangenheit verwenden.

Die selbst ernannte Moderne hat dann das (grammatikalische) Perfekt von der Perfektion getrennt und die Vollkommenheit als erst noch zu erreichende in die Zukunft verlagert. Die damit verbundene Suche nach dem künftigen und einzigen Wahren, Guten und Schönen, nach der marktwirtschaftlich verbürgten Garantie, nur das Beste vom Besten ergattern wollen zu dürfen und sich keinesfalls mit weniger von diesem Immermehr zufrieden zu geben, hat dann durchaus befremdliche Auswirkungen. Dann genügt es nicht einmal mehr, das Perfekte erlangen zu wollen, dann muss es auch schon mal ‚mehr als perfekt‘ sein. Abgesehen davon, dass solche Steigerungsformen der Sinnhaftigkeit weitgehend entbehren und höchstens dem diffusen Selbstverständnis Ausdruck geben sollen, sich tatsächlich nur mit dem Allerbesten zufrieden zu geben und den eigenen angemaßten sozialen Status entsprechend zu markieren, muss man schon die Frage stellen, wohin dieses ‚mehr als Perfekte‘ führen soll. Denn damit befinden wir uns ja wörtlich im Plusquamperfekt, also in einer grammatikalischen Vorvergangenheit, in der … ja nun, welcher unterstellte Zustand vorherrschte? Vermuten diejenigen, die das Mehralsperfekte für sich in Anspruch nehmen, in der Zeit der – sagen wir einmal – Urgroßeltern und möglicherweise noch weiter zurückreichenden Vorfahren habe eine Art goldenes Zeitalter geherrscht, in dem die Dinge noch so waren, wie sie eigentlich sein sollten? Und an welchem normativen Maßstab lässt sich überhaupt bemessen, wie die Dinge sein sollten? Wer kann diese Sollensgrenze bestimmen? Wer weiß, was perfekt ist, um dann möglicherweise auch bestimmen zu können, was das Mehralsperfekt sein könnte?  Der nicht ganz unbegründete Verdacht liegt nahe, dass es einmal mehr der dickste Geldbeutel und der größte Einfluss ist, der die entsprechenden Markierungen setzt.

Das Manufactum-Geschichtsmodell

Solche Maßstäbe haben aber nicht selten den interessanten Effekt, ihre eigenen Urheber zu desavouieren. Sie zeigen weniger an, was ‚tatsächlich‘ als perfekt gelten könnte, sondern unterstreichen eher das eigene Anspruchsdenken, das sich wesentlich an monetären Maßstäben orientiert. Wer zahlt, schafft immer noch an. Allerdings gilt es gemeinhin als wenig überzeugend, Perfektion am schnöden Mammon festzumachen. Daher muss ein Kriterium gefunden werden, das gewissermaßen überzeitlich gültig ist – und das findet sich ausgerechnet in der Zeit selbst. Denn der höchst veränderliche Maßstab vergangener Qualitätskriterien soll dazu herhalten, bestimmen zu können, was wirklich gut, wenn nicht gar vollkommen ist.

Und da hätten wir ihn wieder, den so häufig vorfindbaren Missbrauch des Historischen für sehr gegenwärtige Anliegen. Schließlich verbindet sich in gegenwärtigen Perfektionsdiskursen das Vollkommene nicht selten mit dem Traditionellen. Man könnte diese konservative, von Verlustängsten und Orientierungsbedürfnissen beeinflusste Richtung als Manufactum-Geschichtsmodell bezeichnen. Schließlich verbindet dieses Unternehmen (allein schon der Name: Manufactum! Latein! Handgemachtes!) nach seinem eigenen Selbstverständnis die Qualität der angebotenen Produkte mit (angemaßter oder tatsächlicher) traditioneller Herstellungsweise. Daher heißt es auch passend: „Es gibt sie noch, die guten Dinge“. Das wichtigste Element in diesem Satz ist das Wörtchen „noch“. Weil eben im Gestern wenn schon nicht die Perfektion, dann doch wenigstens die Qualität zu suchen ist, die in einer Turbokonsumgesellschaft noch für Distinktionsmerkmale sorgen kann.

Also entlassen wir sie, die Plusquamperfektsucher, in die von ihnen offenbar so heiß ersehnte Vorvergangenheit, in der die Dinge angeblich noch so waren, wie sie eigentlich sein sollten. Möglicherweise könnten sie bei Gelegenheit einer solchen Zeitreise feststellen, dass sie in diesem angeblich besseren Gestern sozial und ökonomisch gar nicht zu denjenigen gehören würden, die darüber befinden durften, was perfekt sei.

Und um dieser ganzen Geschichte auch noch eine angemessene Moral zu verpassen: Es könnte sich durchaus lohnen, Angelegenheiten hinreichend zu berücksichtigen, die noch nicht abgeschlossen, daher auch nicht vollkommen sind, die sich uns vielmehr als Imperfektes aufdrängen. Das hat nicht nur geschichtstheoretische Gründe, weil nach William Faulkners wahren Worten die Vergangenheit weder tot noch vergangen und damit auch nicht abgeschlossen ist. Es hat auch ethische Gründe, denn das Perfektionsgeschwafel birgt die nicht unerhebliche Gefahr in sich, dem Unvollkommenen intolerant zu begegnen. Also mache ich gleich einmal den Anfang und bekenne mich hier freudig zu meiner eigenen Mediokrität und Imperfektion. Nehmen Sie nur diese Glosse hier. Ist ja auch alles andere als perfekt.

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