Sprachliche VerkleisterungAnti-Aging

And now for something completely different. Einen Beitrag über Anti-Aging mit dem Ausspruch einer leidlich bekannten Truppe britischer Komödianten beginnen zu lassen, ist nicht nur deswegen gerechtfertigt, weil ich von dem hier zu behandelnden Gegenstand eigentlich keine Ahnung habe, sondern auch weil man in diesem Terrain ohne die englische Sprache nicht auskommt. Das Englische dient hier, wie nicht selten, zumindest für deutsche Konsumierende zur (letztlich recht durchsichtigen) Verschleierung vager, stupider, wenn nicht gar unsinniger Inhalte. Produkte, die in irgendeiner Form mit dem Lifestyle in Zusammenhang stehen, müssen mit genau dieser sprachlichen Verkleisterung operieren, um ihre Inhaltsarmut zu übertünchen.

Man muss sich die sprachlichen Entgleisungen nur einmal zu Gemüte führen. Bei Kosmetikprodukten finden sich beispielsweise ein „Concern Kit De-Aging“ zur Gesichtspflege oder das „Anti-Aging Facial Serum“ mit dem schönen Titel „Make yourself youthful“. Die Feuchtigkeitscreme „Superdefense“ ist wohl nicht für militärische Einsätze gedacht (nehme ich einmal an), klingt aber ganz danach. Ein „Daily Youth Restoring Serum“ klingt schon ein wenig nach Hexenküche, aber spätestens wenn das Label „Wonderskin“ eine „reparierende Anti-Age Maske“ anbietet, ist klar, wie eng die diskursiven Beziehungen zwischen der Anti-Aging-Industrie für Frauen und dem Baumarkt-Wesen für Männer sind. Aber es gibt für alles noch Steigerungsmöglichkeiten. Bei der „Total Age Correction“ habe ich eher Assoziationen mit Zombie-Filmen, während der „Hyper-Hydrating Rejuvenating Eye Contour“ nach dem Ergreifen letzter möglicher Mittel in Folge völliger Verzweiflung anmutet.

Selbstredend müssen solche Versprechen auf Englisch gegeben werden. Auf Deutsch klingt das denn doch irgendwie sklerotisch: Anti-Alterung, Reperaturserum, Gesichtskorrektur – das wären Ausdrücke, die man irgendwo zwischen Krankenhaus und Autowerkstatt einordnen würde.

Uralte Jungbrunnen

Nun mag man behaupten, Anti-Aging sei es gar nicht wert, einer halbwegs seriösen Betrachtung unterworfen zu werden. Aber müssen denn nicht die Historizitätssynapsen zu klappern beginnen, sobald bei der Werbung für Anti-Aging-Produkte permanent Verjüngungsversprechen gegeben werden? Lauert dahinter nicht die uralte Vision vom Jungbrunnen, der Wunsch, den unvermeidlichen Verfall aufhalten zu können und endlich den lebenden Beweis dafür abzuliefern, dass Unsterblichkeit doch möglich ist? Mit welchen Formen von Verzeitlichung haben wir es zu tun, wenn ein ganzer Industriezweig von dem Versprechen leben kann, gegen das Altern vorzugehen?

Sicherlich ist es etwas billig (wenn auch nicht gänzlich unamüsant), die eigentümliche Sprache dieser Industrie aufs Korn zu nehmen, indem man sie einfach nur mal wörtlich nimmt. Kein Verkäufer und keine Käuferin solcher Produkte nimmt ernsthaft an (so hoffe ich zumindest), dass die dargebotenen wortreichen Verjüngungsformeln sich auch dauerhaft in physischen Ergebnissen niederschlagen werden. Auch wenn es nicht dauernd thematisiert wird, aber als Objekte von Dauerwerbeberieselung wissen wir zumindest implizit, dass einen Autos nicht zufriedener, Halsbonbons nicht gesünder, Winterbekleidung nicht schöner und Biersorten nicht männlicher machen. Von den Emotionen, die mit dieser Werbung transportiert werden, lassen wir uns aber durchaus ansprechen. Und in diesem Sinn lohnt sich schon die Frage, was für eine Zeitlichkeit eine Kultur sich leistet, wenn sie mittels chemisch-kosmetischer Produkte, medizinischer Eingriffe, Wellness-Urlaube und spezieller Nahrungsmittel zumindest manchen erfolgreich die Hoffnung verkaufen kann, das Altern nicht nur hinauszuzögern, sondern dem Wortsinn nach (Anti!) auch aufzuhalten und vielleicht sogar umkehren zu können.

Danach kommt noch alles

Nun ist es recht offensichtlich, dass auch bei Konsumentinnen von Anti-Aging-Produkten die Hautalterung früher oder später sichtbar wird und der Tod irgendwann zuschlägt. Im noch schlimmeren Fall kann man in einem solchen Gesicht vielleicht nicht mehr ablesen, wie die Haut altert, man kann aber sehr deutlich die Maßnahmen erkennen, die zur Sistierung dieses Prozesses eingesetzt wurden – wandelnde Mumien in den Einkaufsstraßen. Und ebenso offensichtlich ist es, welche Form der Verzeitung hinter diesem Wunsch nach Gegenalterung steckt. Das Ideal von Jugendlichkeit und Lebendigkeit, das so gern als „Vitalität“ verkauft wird, ist nicht erst im Zuge kapitalistischer Gesellschaften zum Wunschbild geworden. Von der Vorstellung des Jungbrunnens zum Anti-Aging einen ungebrochene Kontinuitätslinie zu ziehen und eine anthropologische Konstante feststellen zu wollen, wirkt aber wenig überzeugend. Anti-Aging scheint mir insofern ein Gegenstand zu sein, den es ernsthaft zu befragen lohnt, als sich damit nicht nur Jugendlichkeitswünsche, sondern ebenso Sinnfragen verbinden. Auch in einer Gesellschaft, die sich weitgehend als säkularisiert begreift, kann die Frage danach, was nach dem Leben kommt, nicht einfach suspendiert werden. Wenn religiöse Antworten nicht mehr überzeugen, dann muss man sich entweder mit dem Nichts anfreunden – oder versuchen, die Gegenwart zu einem Dauerzustand zu machen. Anti-Aging erscheint dann als eine Fluchtvariante vor der Einsicht, dass nach dem eigenen Leben noch so viel mehr Leben auf die Überlebenden wartet. Man kann Angst haben, dass nach dem Tod nichts mehr kommt. Man kann aber auch Angst davor haben, dass danach noch alles kommt. [1] Anti-Aging-Maßnahmen lassen sich daher auch begreifen als Anti-Fear-Maßnahmen.

Gerade hier kann man das Abschreckend-Faszinierende und das zugleich Paradoxe an der Anti-Aging-Industrie und dem Wunsch nach Entalterung ausmachen. Denn Anti-Aging-Versprechen machen sich die neuesten, in die Zukunft weisenden Fortschritte der chemischen Industrie und der medizinischen Wissenschaft zunutze – um mit ihrer Hilfe einen Weg in die Vergangenheit, nämlich in die eigene körperliche Jugendlichkeit einzuschlagen. Weiterhin gehen diese hochindustrialisierten Wissenschaftskomplexe unheilige Allianzen mit letztlich magischen Überzeugungen ein, die den uralten Wunschtraum der Menschheit beinhalten, die individuelle Lebensuhr zurückdrehen zu können. Wenn es noch eines Beweises bedürfen würde, wie widersprüchlich dieses seltsame Ding namens ‚Fortschritt‘ ist, dann könnte man ihn hier finden: technisch-wissenschaftlich zwar auf höchstem Niveau, aber in puncto Todesflucht noch keinen Schritt weiter gekommen.

Problem Astronautennahrung

Dabei könnte doch alles so einfach sein – und wird es möglicherweise in Zukunft auch. Einstein (wer sonst) hat auch schon für Anti-Aging die Lösung gefunden: Mit der ausreichenden Menge landesüblicher Valuta ließe sich ein Flug durchs Weltall bestellen, bei der die Astronautin sich mit nahezu Lichtgeschwindigkeit bewegt. Zurück auf der Erde wäre sie ohne den Einsatz irgendwelcher Cremes kaum gealtert, während ihre daheim gebliebenen Freundinnen in der Zwischenzeit ihren Tribut an den unaufhaltsamen Verfall zahlen mussten. Nun gut, es gibt Stimmen, die behaupten, der Nichtalterungsprozess bei der Lichtgeschwindigkeitsreise durch die Raumzeit würde dadurch zunichte gemacht, das man im Raumschiff Astronautennahrung zu sich nehmen müsste. Aber auch an diesem Problem wird sicherlich gearbeitet.

 

[1] Vgl. Rattelschneck: Harry & Hilmar, in: Süddeutsche Zeitung, 27./28. September 2014.

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