Mont St Michel IIBaguette mit „Pommes rot-weiß“

Es ist August. Urlaubsmonat. Die Touristenströme strömen. Ich ströme mit.

Im Urlaub steht Geschichte hoch im Kurs. Die Reise in andere Weltgegenden wird preisbewusst mit einer Reise in die Vergangenheit verbunden. Der Tourismus erfasst nicht nur sämtliche zur Verfügung stehenden Räume, sondern dringt auch in alle vermarktbaren Zeiten vor. In diesen Wochen werden die geschichtsträchtigen Orte in noch größerem Maße heimgesucht als sonst schon.

Diesmal trifft es den Mont Saint Michel. Er wird von mir besucht, betrachtet, bestiegen, fotografiert. Eigentlich wird er von mir erobert. Von mir und Millionen anderen. Die Massen, die sich dort zusammenfinden, sind beeindruckend. Hat sich aber auch tatsächlich ein hervorragendes Plätzchen ausgesucht, der Mont Saint Michel. Inmitten einer Bucht, die ebenfalls nach ihm benannt ist, hat man den Felsen ständig im Blick, wenn man auf das Meer sieht. Malerisch ragt er gen Himmel. Ein kompakter Felsen, der sich mit zunehmender Höhe in Stadtmauern, Häuser, das Kloster und schließlich die Statue des Erzengels Michael an der Spitze verwandelt. Kein Tourismusmanager hätte einen besseren Ort für eine publikumswirksame Attraktion aussuchen können. Und das hat er nun davon, der heilige Felsen. Einmaliger Ort, einmalige Lage, einmalige Architektur, einmalig erhalten. Da muss man doch mindestens einmal gewesen sein. Denken sich viele.

Jedes Jahr besuchen etwa 3,5 Millionen Menschen den Mont Saint Michel. Wenn man dort ist, könnte man meinen, sie kommen alle an einem Tag. Es ist voll. Alles ist voll. Ist auch kein Wunder, denn erstmals besiedelt wurde der Berg im 8. Jahrhundert, in den folgenden Jahrhunderten wurde umgebaut und erweitert. Aber ausgelegt auf mittelalterliche Lebensverhältnisse, muss der Berg unter Bedingungen des Massentourismus aus allen Nähten platzen. Bis man zur Felseninsel durchgedrungen ist, dominiert allerdings unübersehbar das 21. Jahrhundert. Die Abfertigung der Besucherströme ist vorbildlich. Vom riesigen Parkplatz, der die Fläche einer Dorfs einnimmt, wird man umgeleitet in einen niemals abreißenden Strom von Bussen, die im Minutentakt die Besucher zum Berg fahren. Auf dem Weg dorthin durchquert man ein weiteres dorfgroßes Areal mit Supermärkten, Hotels, Gift-Shops und vielen anderen Angeboten, die man nicht braucht, auf jeden Fall nicht an einem Ort wie diesem. Ist man endlich angekommen und hat sich mit tausenden anderen durch das Stadttor gequält, können einen Zweifel überkommen, ob das hier wirklich altes Gemäuer oder nicht doch eine Dependance des Pariser Disney-Parks ist. Hinter all den sonnencremebedeckten Menschen, den Crêperien, den Eisläden und Imbissbuden, in denen – Höhepunkt der Widerwärtigkeit – tatsächlich Baguette mit einer Füllung „Pommes rot-weiß“ verkauft werden, verschwimmt der Ort zu einer gräulichen Hintergrundkulisse. Man kann gar nichts mehr sehen, weil man so viel gucken muss. Und ich mache mit, mittendrin.

Die meistfotografierte Scheune

All das kennt man dem Grundsatz nach zur Genüge. Die Tourismuskritik ist nahezu so alt wie der Tourismus selbst. Das kann keinen mehr hinterm Ofen hervorlocken. Hans Magnus Enzensberger hat in seiner immer noch lesenswerten „Theorie des Tourismus“ aus dem Jahr 1958 das Wesentliche dazu gesagt: das Elitäre an der Tourismuskritik und das Vergebliche an der touristischen Flucht, die aus Industrialisierung und Moderne herausführen soll, tatsächlich aber nur immer tiefer hineinführt – diese Thesen dürfen auch heute noch Gültigkeit beanspruchen. [1]

Das enthebt uns aber nicht der Frage: Warum macht man so etwas? Warum fahre ich zum Mont Saint Michel? Weil alle dort hinfahren? Weil das ungeschriebene Gesetz des Tourismus besagt, dass man selbst noch gesehen haben muss, was alle anderen bereits gesehen haben? Weil die touristische Praxis einem tautologischen Prinzip unterliegt – man macht es eben, weil man es macht?

In dem Roman „Weißes Rauschen“ von Don DeLillo gibt es die Episode von der meistfotografierten Scheune Amerikas, die nur deswegen so oft fotografiert wird, weil sie so oft fotografiert wird. Das ist alles. Aber aus eben diesem Nichts gelingt es dem Tourismus, etwas zu machen: „Wir sind nicht hier, um ein Bild einzufangen, wir sind hier, um eines aufrechtzuerhalten. […] Wir haben eingewilligt, Teil einer kollektiven Wahrnehmung zu sein. […] Eine religiöse Erfahrung gewissermaßen, wie aller Tourismus.“ Denn was die Besucher der Scheune machen, ist nicht die Scheune selbst zu fotografieren: „Sie fotografieren das Fotografieren.“ [2]

Und was hat das nun mit unserem Umgang mit Geschichte zu tun? Valentin Groebner hat vor kurzem ein Plädoyer veröffentlicht, das den Tourismus als eine enorm wirkmächtige Form der Geschichtsproduktion ernst nehmen will. [3] Ich würde ihm in dieser Einschätzung grundsätzlich folgen, nicht zuletzt aufgrund geschichtstheoretischer Erwägungen. Allein wegen der eindrücklichen Zahlen, welche die Branche für den Besuch historischer Stätten vorlegen kann, muss man den Tourismus als eine unübersehbar wichtige Form ansehen, wie Kulturen der Gegenwart sich ihre Geschichte machen. Aber selbst unter Absehung seiner quantitativen und ökonomischen Bedeutung ist der Tourismus eine zentrale Art und Weise, Relationen zwischen einer Gegenwart und ihren Vergangenheiten herzustellen.

Touristische Vergangenheitszerstörung

Aber Tourismus ist nicht gleich Tourismus. Denn wie jede kapitalistische Aneignungsform im Rahmen einer expansiven Moderne nimmt auch der Tourismus unübersehbar destruktive Formen an. Die Zerstörung kann sich auf sehr konkrete, physische Weise äußern, wie im Fall Venedigs oder beim Schutz von Gemälden in völlig überfüllten Museen wie dem Pariser Louvre: Orte und Objekte, die vor den Zudringlichkeiten ihrer Besucher geschützt werden müssen. Es kann aber auch zu einer Form der Vergangenheitszerstörung kommen, die dem Ort oder dem Objekt jede Form der zeitlichen Distanz entzieht. Touristische (und mithin wirtschaftliche) Interessen überformen Orte wie den Mont Saint Michel derart, dass vom Historischen nichts mehr übrig bleibt. Ist das Gemäuer wirklich alt, oder ist es nur gut gemachte Kulisse? Diese Frage interessiert gar nicht mehr, denn in beiden Fällen geht es darum, einerseits etwas zu verkaufen, andererseits das Häkchen anzubringen an der unvermeidlichen Liste der Dinge, die man unbedingt gesehen haben muss.

Daher ein gänzlich utopischer, aber ernst gemeinter Vorschlag: Erlösen wir diese Orte von den Zumutungen einer touristisch expansiven Moderne. Überlassen wir sie sich selbst. Verhindern wir, dass sich diese Moderne – die wir selbst sind – in ihrer unglaublichen Fressgier eines bestimmten, nämlich des touristisch verwertbaren Teils der Vergangenheit bemächtigt und diesen bis zur Unkenntlichkeit aussaugt. Retten wir eine Vergangenheit, der in diesem Spiel kaum noch eine Rolle zukommt, die vor allem als Kulisse dient, um mehr unappetitliche Baguettes zu verkaufen.

Ich habe den Mont Saint Michel in den folgenden Tagen noch oft gesehen. Immer aus der Ferne. Mit einigen Kilometern Abstand konnte ich mich der Illusion hingeben, die Utopie sei schon Wirklichkeit geworden. Der Erzengel Michael schien den endzeitlichen Kampf gegen den Satan namens Massentourismus gewonnen zu haben. Sah sehr schön aus, wie der Fels dort in der Bucht lag, mal im Watt, mal vom Wasser umspült. Denn Menschen konnte man auf die Distanz gar nicht mehr erkennen.

[1] Hans Magnus Enzensberger: Theorie des Tourismus (1958), in: ders.: Einzelheiten I & II, Hamburg 2006, 177-202

[2] Don DeLillo: Weißes Rauschen, Reinbek bei Hamburg 1997, 24.

[3] Valentin Groebner: Touristischer Geschichtsgebrauch. Über einige Merkmale neuer Vergangenheiten im 20. und 21. Jahrhundert, in: Historische Zeitschrift 296 (2013) 408-428

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