MützeSelbstentwicklungshilfeminister

Es war einmal ein deutscher Entwicklungshilfeminister, der gar nicht Entwicklungshilfeminister werden wollte und bei dem sich auch niemand erklären konnte, warum ausgerechnet er diesen Job übernehmen sollte. Zudem hatte dieser Entwicklungshilfeminister einen Regierungsposten besetzt, den seine Partei und wahlprogrammgemäß auch er selbst kurz zuvor noch als unnötig und geldverschwenderisch abschaffen wollten. Nicht zuletzt musste man sich fragen, bei welcher „Entwicklung“ dieser Minister hätte helfen können, außer vielleicht bei seiner eigenen karrieretechnischen. Aber es scheint dann insbesondere der letzte Punkt gewesen zu sein, der ihn alle Bedenken über Bord werfen ließ, um im Dienst der Sache, nämlich seiner eigenen, im Jahr 2009 diesen Posten zu übernehmen. Besser irgendein Minister als gar kein Minister.

Seither kann man ab und an beobachten, wie Dirk Niebel möglichst medienwirksam in dieser politischen Arena zu reüssieren versucht, wie er bei großen internationalen Kongressen immer etwas deplatziert wirkt in diesen multikulturellen Zusammenhängen, wie in der Begegnung mit Menschen von anderen Kontinenten die Überraschung über deren FDP-Ferne immer noch groß zu sein scheint, wie ein gewisses Fremdeln mit dem eigenen Amt und den damit zusammenhängenden Aufgaben kaum zu übersehen ist – und wie ein Minister sich mit einer befremdlichen Mütze vor der Hitze Afrikas zu schützen sucht.

Die Mütze im Museum

Richtigerweise muss man inzwischen sagen: mit der er sich zu schützen versuchte. Denn die vor Kurzem noch aktuelle Verwendung von Niebels Mütze ist inzwischen zur Vergangenheit geworden. Eine Verwendungsweise hat der anderen Platz gemacht, das Kleidungsstück ist zum Ausstellungsstück mutiert. Niebels Mütze ist den Weg alles Symbolischen gegangen: Sie ist ins Museum gewandert. Am 7. März 2013 übergab der Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Dirk Niebel, dem Sammlungsdirektor des Hauses der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn, Dr. Dietmar Preißler, die Mütze, die er seit seiner Bundeswehrzeit bei den Fallschirmjägern besaß (die Fallschirmspringerei scheint in der FDP eine gewisse Tradition zu genießen) und die er bei seinen ministerialen Auslandsreisen immer getragen hat. Wir haben es also mit der historischen Großepoche zwischen Frühjahr 2010 (Niebels erste Auslandsreise) und Frühjahr 2013 (Musealisierung der Mütze) zu tun.

In dieser Zeit hat Niebel – diese Mütze tragend – welche historisch aufwühlenden Taten vollbracht oder ihnen wenigstens beigewohnt? Nun, er ist ins nicht-europäische Ausland gereist und hat Fernsehinterviews gegeben, was man eben so macht als Entwicklungshilfeminister. Dabei hat er immer getreu dem Michel-aus-Lönneberga-Motto gehandelt: „Nicht ohne meine Müsse.“ Da kann man nur sagen: Das wurde aber auch Zeit, dass dieses einmalige Stück der jüngeren Zeitgeschichte endlich dem Museum vermacht und dem drohenden Verlust für die Nachwelt entrissen wurde. Entsprechend ließ der Minister auf der Internetseite seines Ministeriums auch der Freude Ausdruck verleihen, „dass meine Mütze heute den Weg in die Geschichtsbücher findet.“ (Ohne allzu beckmesserisch sein zu wollen, aber zunächst ist die Mütze ins Geschichtsmuseum gewandert; ob sie es in die Geschichtsbücher schafft, ist eine andere Frage. Aber vielleicht freut sich der Minister auch, dass sie den Weg in (m)ein Geschichtsblog gefunden hat?)

Mütze und Macht

So erfreulich und geschichtsträchtig dieser Vorgang auch sein mag, einige Fragen drängen sich natürlich auf, bei denen es politisch und vor allem historisch interessant wird. Da wäre einmal die Frage nach der Initiative – wer hat denn dafür gesorgt, dass das gute Stück ins Museum kommt? Ich hege den Verdacht, dass es vielleicht nicht das Museum selbst war. Schließlich hat Niebel schon vor Längerem angekündigt, dass es seine umstrittene Kopfbedeckung noch einmal ins Museum schaffen würde. Aber dass es so schnell gehen würde …

Nächste Frage: Was könnte sich das Museum von dieser vorauseilenden Historisierung versprechen? Sammlungsdirektor Preißler sagte laut Pressemeldung, die Mütze stehe „in einer Reihe mit Kleidungsstücken von Politikern, die über deren Person und die Wahrnehmung in den Medien Auskunft geben“. Joschka Fischers Turnschuhe, Helmut Kohls Strickjacke, Helmut Schmidts Schirmmütze – alles museal nachvollziehbar und tatsächlich Teil des bundesrepublikanischen Bildgedächtnisses geworden. Aber befindet sich Niebels Mütze tatsächlich schon in dieser Liga? Sollte dem nicht so sein, dürfte man weniger die Mütze selbst als vielmehr ihren Träger dafür verantwortlich machen. Das Museum wäre zumindest vorbereitet, wenn dem Politiker doch noch ein kometenhafter Aufstieg vergönnt sein sollte (auch das soll in der FDP ja schon vorgekommen sein). Und einer geschenkten Mütze schaut man nicht auf die Schweißränder.

Dritte Frage: Welche historische Erkenntnis darf der künftige Museumsbesucher von dem Ausstellungsstück erwarten? Es ist richtig, der Zusammenhang von Kleidung und Macht kann gar nicht hoch genug veranschlagt werden. Die Botschaften, die eine Elisabeth II. im Krönungsornat, ein Mao Zedong in Arbeiter- oder Soldatenuniform und ein Joschka Fischer in Turnschuhen bei der Vereidigung übermitteln, sind wesentlich prägnanter als langatmige Reden. [1] Hier kann man tatsächlich auf einen Blick erfassen, wofür diese politischen Entscheidungsträger stehen oder wie sie gesehen werden wollen. (Das Bonner Museum kann sich also schon einmal an die Planung eines Anbaus machen, wenn demnächst Angela Merkel ihre gesamte Kollektion an Kostümen vorbeibringt.) Wenn das aber so ist, welche Botschaft wollte Niebel dann vermitteln, als er im Ausland ausgerechnet mit einer Mütze des deutschen Militärs auftauchte? Vielleicht: „Oh, Entschuldigung, ich hatte gerade keinen anderen Schutz gegen die Sonne zur Hand“? „Mein spärliches Ministergehalt genügt leider nicht für eine andere Kopfbedeckung“? „Entwicklungshilfe ist ein Kampfeinsatz“? Oder: „Wenn ich schon eine Randfigur im Kabinett bin und von der Materie wenig Ahnung habe, dann sollte ich dabei wenigstens optisch auffallen“?

Diese eher unangenehm berührende Form der Selbsthistorisierung kann den künftigen Museumsbesucher also am ehesten darüber belehren, wie zukünftige Vergangenheiten in der Gegenwart dazu missbraucht werden sollten, politische und historische Bedeutung zu produzieren, die bedauerlicherweise wenig Substanz hat. Geschichte wird gemacht, das ist schon richtig. Aber glücklicherweise ist daran nicht nur eine Person beteiligt. Über eine wirklich nachhaltige Historisierung und Musealisierung entscheiden immer noch die Nachgeborenen, nicht allein die Gegenwärtigen.

Schade allerdings, dass ausgerechnet diese weit reichende Erkenntnis den Besuchern des Hauses der Geschichte in Bonn bis auf weiteres verwehrt bleibt. Die Mütze verschwindet nämlich erst einmal in der Asservatenkammer (was die Pressemeldungen peinlichst verschwiegen haben). Dabei war es doch das Ziel dieser Aktion, Niebels politischer Karriere genau diesen Gang zu ersparen.

[1] Thomas Frank u.a.: Des Kaisers neue Kleider. Über das imaginäre politischer Herrschaft, Frankfurt a.M. 2002.

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